Improvisation

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(IRS) – In der ange­reg­ten Unter­hal­tung mit einem deut­schen Inge­nieur waren eini­ge inter­es­san­te unter­schied­li­che Facet­ten mensch­li­cher Cha­rak­te­re zur Spra­che gekom­men. Er war Mit­ar­bei­ter eines gro­ßen deut­schen Auto­her­stel­lers, der hier­zu­lan­de einen sehr erfolg­rei­chen Gelän­de­wa­gen bau­en lässt. Besag­ter Inge­nieur war hier­orts sta­tio­niert und hat­te Füh­rung von Ent­wick­lung und Fer­ti­gung des Fahr­zeugs über. In sei­ner doch schon viel­jäh­ri­gen Arbeit war er mitt­ler­wei­le sehr gut mit den Eigen­hei­ten sei­ner öster­rei­chi­schen Mit­ar­bei­ter ver­traut, die sich in man­chen Berei­chen stark von denen sei­ner deut­schen Lands­leu­te unterschieden.

Impro­vi­sa­ti­on oder Organisation?

Nach eini­gen inter­es­san­ten Ein­bli­cken in die unter­schied­li­chen Dis­kus­si­ons- und Streit­kul­tu­ren von Öster­rei­chern und Deut­schen kam er auf das The­ma Impro­vi­sa­ti­on und Orga­ni­sa­ti­on zu spre­chen. Öster­rei­cher bevor­zug­ten sei­ner Ansicht nach im täg­li­chen Arbeits­ab­lauf ers­te­re, ohne sich vie­le Gedan­ken über grund­sätz­li­che Fest­le­gun­gen und Stan­dards – sprich: über orga­ni­sa­to­ri­sche Maß­nah­men – zu machen. Sie sei­en viel eher geneigt, in jenem Stand zu ver­har­ren, den wir als „Wei­ter­wurs­teln“ bezeich­nen wür­den. Sei­ner Ansicht nach gin­ge  durch die­ses Ver­hal­ten unnö­ti­ger­wei­se viel Ener­gie ver­lo­ren. Den Schwenk zu mehr Orga­ni­sa­ti­on sah er als eine Art Erzie­hungs­auf­ga­be an sei­nen öster­rei­chi­schen Mitarbeitern.

Impro­vi­sa­ti­on ver­langt nach Spon­ta­nei­tät und Kreativität

Weil hier gera­de von der Auto­in­dus­trie die Rede ist: Der Hang zur Impro­vi­sa­ti­on darf nicht nur als Zei­chen einer gewis­sen Schlam­pig­keit oder Bequem­lich­keit gese­hen wer­den und damit eine aus­schließ­lich nega­ti­ve Zuschrei­bung bekom­men. Er kann sich auch als gro­ßer Vor­teil oder gar als Bega­bung her­vor­tun, denn Fähig­keit zu Impro­vi­sa­ti­on beinhal­tet zwei wesent­li­che Eigen­schaf­ten: Ers­tens Spon­ta­nei­tät und zwei­tens Krea­ti­vi­tät. Die­se Eigen­schaf­ten kön­nen in kri­ti­schen Pha­sen von unvor­her­ge­se­he­nen oder schwie­ri­gen Pro­blem­stel­lun­gen äußerst hilf­reich sein. Ich habe hier kei­ne Quel­len­an­ga­ben, aber ich kann mich noch gut erin­nern an Impro­vi­sa­ti­on in einer epo­che­ma­chen­den Umstel­lung bei Volkswagen.

Umbruch­si­tua­ti­on bei VW: Vom Käfer zum Golf

Was war gesche­hen? Der Volks­wa­gen-Kon­zern befand sich Ende der Sech­zi­ger-Jah­re in argen wirt­schaft­li­chen Tur­bu­len­zen, weil sich der „Läuft-und-läuft-Käfer“ mit sei­nem luft­ge­kühl­ten Heck­mo­tor nicht mehr ver­kau­fen ließ. Ein neu­es Modell muss­te her! Der ita­lie­ni­sche Desi­gner Giugi­a­ro hat­te einen revo­lu­tio­nä­ren Ent­wurf einer neu­en „Kom­pakt­klas­se“ gelie­fert, der tech­nisch völ­lig anders auf­ge­baut war und sich spä­ter als Bom­ben­er­folg her­aus­stel­len soll­te. Aber zunächst stand die Umstel­lung der gesam­ten Fer­ti­gungs­li­ni­en am Pro­gramm! Ich kann mich noch an Kom­men­ta­re in dama­li­gen Auto­zeit­schrif­ten erin­nern, wonach es in die­ser Umbruchs­pha­se gera­de die öster­rei­chi­schen Inge­nieu­re im Werk gewe­sen sei­en, die mit ihrer Fähig­keit zur Impro­vi­sa­ti­on ent­schei­dend zu Erfolg der Neu­aus­rich­tung bei­getra­gen hätten.

Impro­vi­sa­ti­on für Sachverständige?

Schwenk zur Tätig­keit eines Sach­ver­stän­di­gen: Auch von ihm kann eine gewis­se Bereit­schaft zur Impro­vi­sa­ti­on gefor­dert sein. Zum Bei­spiel dann, wenn eine ach so peni­bel vor­be­rei­te­te ört­li­che Befund­auf­nah­me infol­ge wider­wär­ti­ger Umstän­de nicht in der beab­sich­tig­ten Wei­se statt­fin­den kann. Abbre­chen oder impro­vi­sie­ren? Fle­xi­bel sein heißt hier die Paro­le, mal den Plan über den Hau­fen wer­fen und trotz­dem – viel­leicht auf unge­wohn­ten Weg – zu den Wahr­neh­mun­gen kom­men, die man braucht. Oder im Gerichts­saal bei einer Erör­te­rung eine Fra­ge aus­führ­lich und aus dem Steg­reif gekonnt und über­zeu­gend beant­wor­ten, die eigent­lich nicht Gegen­stand des Ver­fah­rens ist, die aber die Par­tei­en und das Gericht gera­de bren­nend interessiert.

Impro­vi­sa­ti­on im Theater

Eine Erfah­rung aus der Zeit in einer Lai­en-Schau­spiel­trup­pe zeigt, dass die Fähig­keit zur Impro­vi­sa­ti­on über Erfolg oder Miss­erfolg einer Thea­ter­auf­füh­rung ent­schei­den kann. Nach einem aus Sicht der Regie tadel­los gelun­ge­nen ers­ten und zwei­ten Akt einer Komö­die geriet der drit­te und letz­te Akt zuneh­mend auf eine Art schie­fe Ebe­ne: Aus­ge­löst durch ein Miss­ver­ständ­nis befan­den sich plötz­lich Per­so­nen in der Sze­ne, die erst zu einem wesent­lich spä­te­ren Zeit­punkt dort hät­ten sein sol­len. Das dadurch ent­ste­hen­de Wirr­warr wur­de durch reak­ti­ons­schnel­le dra­ma­ti­sche Hand­lun­gen der Dar­stel­ler recht ele­gant auf­ge­fan­gen. Für den Zuschau­er ent­stand so eine Bil­der­flut über­bor­den­der Vita­li­tät, die mit tosen­dem Schluss­ap­plaus quit­tiert wurde …

Selbst Impro­vi­sa­ti­on ent­de­cken, im Theater …

Eine wei­te­re Erfah­rung betrifft die aus einem unlängst besuch­ten Work­shop einer bekann­ten Schau­spie­le­rin mit Erfah­rung aus über hun­dert Film‑, Fern­seh­se­ri­en- und Thea­ter­rol­len. Das Work­shop zeig­te, dass sich die Kunst der Impro­vi­sa­ti­on ler­nen oder bes­ser gesagt ent­de­cken lässt, denn jeder – der es will – kann zu sei­nem Ver­gnü­gen schau­spie­le­risch impro­vi­sie­ren, also spon­tan im wahrs­ten Sinn des Wor­tes eine Rol­le spie­len. Man muss sich nur dar­auf ein­las­sen, dass dabei tie­fe­re, ver­bor­ge­ne, viel­leicht auch ver­schüt­te­te Schich­ten der eige­nen Per­sön­lich­keit plötz­lich zum Vor­schein kom­men. Das kann zu eini­gen Über­ra­schun­gen füh­ren, posi­ti­ven wie auch nega­ti­ven, aber das muss man als gereif­ter Mensch zulas­sen und aus­hal­ten können …

… und schließ­lich: Impro­vi­sa­ti­on in der Musik

Das ist ein The­ma, über das etwas zu sagen es viel Beru­fe­ne­re gibt als jeman­den, der erst ein paar Jah­re ein Instru­ment ama­teur­haft beherrscht. Trotz­dem ein paar Wor­te: Auch in die­sem Metier spie­len – ins­be­son­de­re, wenn man an Jazz denkt – die vor­hin ange­spro­che­nen tie­fe­ren Schich­ten der Per­sön­lich­keit eine wich­ti­ge Rol­le. Impro­vi­sa­ti­on ist nicht Zügel­lo­sig­keit, es gilt immer, musi­ka­li­sche Grund­re­geln zu befol­gen und die Begren­zung durch die Mög­lich­kei­ten des Instru­ments zu beach­ten. Aber Impro­vi­sa­ti­on ent­we­der im Rah­men eines Musik­stücks oder in frei­er Art  fußt mei­nes Erach­tens letzt­lich stark auf Emo­tio­nen, Ein­drü­cken und Empfindungen.

Hm, das Stich­wort Impro­vi­sa­ti­on lässt sich so gese­hen über ein wei­tes Band an The­men zie­hen: Auto­in­dus­trie, Inge­nieur­we­sen, Sach­ver­stän­di­gen­tä­tig­keit, Thea­ter, Musik … Fehlt noch etwas?

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