Preis und Wert (11) – Fehlvorstellungen ablegen

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Storno

(IRS) – Je nach gesell­schaft­li­chem oder kul­tu­rel­lem Hin­ter­grund gibt es sowohl bei Anbie­tern als auch bei Kun­den grund­sätz­lich stark unter­schied­li­che Ein­schät­zun­gen dar­über, wel­chen Wert – vor allem, wel­chen Geld­wert – Dienst­leis­tun­gen denn nun haben. Dienst­leis­tun­gen sind imma­te­ri­el­le Güter, also sol­che, die nur einen gerin­gen Anteil an „greif­ba­ren“, sicht­ba­ren Ergeb­nis­sen beinhal­ten. Ist das der Grund, war­um vie­len Men­schen der Wert die­ser „Pro­duk­te“ nicht nur nicht bewusst ist, son­dern dass sie ihn auch nicht (an)erkennen oder sehen wol­len? Woher kommt die­se Sicht und wie lässt sie sich korrigieren?

Dienst­leis­tun­gen von unbe­strit­te­nem Wert wer­den ger­ne anerkannt …

Dass die­ses Unver­ständ­nis dort nicht gilt, wo es ent­we­der um Leib und Leben geht oder um Durch­set­zung von Recht und Ord­nung, sei ein­mal vor­an­ge­stellt: Ver­mut­lich weni­ge wer­den sich den bil­ligs­ten Arzt suchen, wenn eine lebens­ret­ten­de Ope­ra­ti­on ansteht, oder auf dem finan­zi­ell güns­tigs­ten Schei­dungs­an­walt bestehen, wenn die per­sön­li­che Zukunft davon abhängt. Der Wert sol­cher per­sön­li­chen Dienst­leis­tun­gen ist wohl unbe­strit­ten. Auch die Diens­te des Bau­meis­ters, der die rich­ti­gen Maß­nah­men kennt und über­wa­chen kann, um eine beschä­dig­te Brü­cke vor dem Ein­sturz zu ret­ten, muss man wohl bedin­gungs­los anerkennen.

… aber auch ver­steck­te „Gra­tis-Dienst­leis­tun­gen“ müs­sen bezahlt werden!

Wer Gegen­stän­de im Bau- oder Fach­markt kauft, wird auf Wunsch vom Per­so­nal Bera­tung bekom­men, im Regel­fall kos­ten­los. Wer an sei­nem Haus eine Fas­sa­de erneu­ern will, bekommt vom Pro­fes­sio­nis­ten eben­so ein Bera­tungs­ge­spräch und ein Ange­bot, im Regel­fall eben­so kos­ten­los. Das­sel­be darf er auch vom Hei­zungs­in­stal­la­teur erwar­ten, auch wenn in die­sem Fall die der Bera­tung fol­gen­de Ange­bots­le­gung bereits recht umfang­rei­che Leis­tun­gen für Pla­nung und Berech­nung vor­aus­setzt. Die betref­fen­den Han­dels­be­trie­be oder Pro­fes­sio­nis­ten müs­sen aller­dings die­se schein­ba­ren „Gratis“-Leistungen – auch die für nicht erteil­te Auf­trä­ge – in ihrer Preis­bil­dung stets miteinrechnen.

Im Geschäfts­le­ben ist fast nichts wirk­lich „gra­tis“

Es gilt auch hier das Wort: „The­re is no free lunch.“ Anders gesagt: Alles hat sei­nen Preis, fast nichts im Geschäfts­le­ben ist wirk­lich gra­tis. Der vor­hin beschrie­be­ne Mecha­nis­mus der ver­steck­ten Dienst­leis­tun­gen wird dort nicht mehr wirk­sam, wo die anzu­bie­ten­de Leis­tung über­durch­schnitt­lich schwie­rig oder kom­plex wird, sodass außer­ge­wöhn­li­che Anstren­gun­gen not­wen­dig sind, um über­haupt ein Ange­bot zustan­de zu brin­gen. Daher wer­den sol­che Leis­tun­gen nicht mehr „kos­ten­los“ sein kön­nen, selbst wenn der Pro­fes­sio­nist eine eige­ne Pla­nungs­ab­tei­lung beschäf­tigt: Er wird den Auf­wand für die­se Vor­leis­tung dem Nutz­nie­ßer in Rech­nung stel­len müssen.

Das von Agrar- und Indus­trie­ge­sell­schaft geform­te Denken …

Wer nichts oder nur wenig als Dienst­leis­ter tätig war, kann sich in die­se Zusam­men­hän­ge nicht leicht hin­ein­den­ken. Wirt­schaft­lich war unser Land in der Ver­gan­gen­heit wesent­lich stär­ker als heu­te von Land­wirt­schaft, Hand­werk und Indus­trie getra­gen. Dem­nach war auch der Lebens­stan­dard durch die Ein­kom­men aus die­sen Wirt­schafts­zwei­gen bestimmt. Gesell­schaft­lich „geschafft“ hat­te es nur der­je­ni­ge, der etwas Mate­ri­el­les vor­wei­sen konn­te. Man kann dar­aus ver­mut­lich ablei­ten, dass durch sol­che Ver­hält­nis­se und oft auch durch Man­gel­wirt­schaft geform­te Gene­ra­tio­nen Dienst­leis­tun­gen grund­sätz­lich einen gerin­ge­ren Wert zuge­ord­net haben.

… und die Ein­flüs­se aus Man­gel­erfah­run­gen der Nachkriegszeit …

Zu all die­sen Gege­ben­hei­ten kommt noch, dass sich in der Nach­kriegs­zeit die Wirt­schaft in vie­len Tei­len des Lan­des erst lang­sam ent­wi­ckeln konn­te. Aus sub­jek­ti­ver Sicht las­sen die Aus­wir­kun­gen sich so dar­stel­len: Fami­li­en waren Spar­sam­keit gewohnt, der Wohl­stand war nied­rig, Ansprü­che an Kom­fort und Luxus prak­tisch inexis­tent. Auch wenn nicht direkt Armut droh­te, war Beschei­den­heit ange­sagt. – Die­se Zeit hat neben posi­ti­ven Aus­wir­kun­gen auch nega­ti­ve Spu­ren hin­ter­las­sen, vor allem, was den Selbst­wert der Men­schen betrifft. Vie­les davon wur­de an die Fol­ge­ge­nera­ti­on wei­ter­ge­ge­ben. Wer nicht  durch sol­che ent­beh­rungs­rei­chen Lebens­pha­sen gehen muss­te, tritt unbe­fan­ge­ner auf.

… wur­den auch in die Dienst­leis­tungs- und Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft getragen

Zu den vor­ste­hen­den Anmer­kun­gen ist auch die Tat­sa­che von Inter­es­se, dass sich hier­zu­lan­de der Dienst­leis­tungs­an­teil am BIP (der soge­nann­te „ter­tiä­re Sek­tor“) inner­halb von zwei, drei Gene­ra­tio­nen fast ver­dop­pelt hat: Nach Aus­sa­ge von KI Grok hat er 1950 ca. 40%, 1970 ca. 50%, 1990 ca. 60% und 2010 ca. 70% betra­gen und liegt heu­te bei 73%. Das Land hat sich in die­ser Zeit­span­ne von einer Land­wirt­schafts- und Indus­trie­ge­sell­schaft in eine Dienst­leis­tungs- und Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft gewan­delt. Heu­te spricht man eher schon von Wis­sens- oder Digi­ta­ler Gesell­schaft. Eine Ver­än­de­rung, die jemand, der sei­ne Per­sön­lich­keits­prä­gung in den 50ern oder 60ern erfah­ren hat, emo­tio­nal wahr­schein­lich gar nicht so leicht nach­voll­zie­hen kann.

Nöti­ge Konsequenzen 

Ein Dienst­leis­ter von heu­te muss sich von gedank­li­chen und gefühl­ten Alt­las­ten, die sei­nen Selbst­wert und damit sei­nen Preis ein­schrän­ken, so rasch wie mög­lich frei machen. Es bedarf der Ent­schlos­sen­heit, aus dem Gefäng­nis fal­scher nied­ri­ger Selbst­ein­schät­zung aus­zu­bre­chen und der Kühn­heit, die­sen Schritt auch zu tun. Mehr noch: Benö­tigt wird eine Por­ti­on posi­ti­ver „Arro­ganz“, freund­schaft­li­cher Anma­ßung und auf­rich­ti­ger Unver­schämt­heit, einen Preis­an­satz zu wäh­len, der einer exzel­len­ten Leis­tung auch ent­spricht und der zugleich dem Kun­den ehr­li­chen Respekt abnö­tigt. Man erin­ne­re sich dazu an das Wort, das Wil­helm Busch in der Geschich­te des Maler Kleck­sel fal­len lässt: „Mit schar­fem Blick, nach Ken­ner­wei­se, seh ich zunächst mal nach dem Prei­se, und bei genaue­rer Betrach­tung steigt mit dem Prei­se auch die Achtung.“

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