Der Stoppel und das Baby

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Baby

(IRS) – In sei­nem typi­schen Humor pfleg­te der Onkel zu erzäh­len, dass sei­nen Ver­wand­ten bevor­ste­hen­de Besu­che schon vor sei­nen Ankünf­ten akus­tisch deut­lich wahr­nehm­bar gewe­sen wären: Die enge Kur­ve fünf Kilo­me­ter vor deren Wohn­ort erfor­der­te beson­ders flot­tes Her­un­ter­schal­ten des nur teil­wei­se syn­chro­ni­sier­ten Getrie­bes, auf das sein „Baby“ bei nicht exakt dosier­tem Zwi­schen­gas eine äußerst ein­drucks­vol­le Geräusch­ku­lis­se zu lie­fern pfleg­te … Mit dem „Baby“ mein­te der Onkel einen Steyr 50, eines sei­ner Fahr­zeu­ge in der Nach­kriegs­zeit. Ein Steyr-Auto? Rich­tig! In Steyr wur­den ein­mal PKWs gebaut, bemer­kens­wer­te noch dazu.

1920 – 1941: Das Zeit­fens­ter zwi­schen den Kriegen

Zur Her­stel­lung von Per­so­nen­kraft­wa­gen kam es in Steyr nach Ende des ers­ten Welt­kriegs. Die Pro­duk­ti­on von Waf­fen war im Frie­dens­ver­trag von St. Ger­main ver­bo­ten wor­den, die rie­si­ge Waf­fen­fa­brik stand vor dem Nichts. Man ent­schloss sich, in die Pro­duk­ti­on von Per­so­nen­kraft­wa­gen (Ober­be­griff „Steyr Waf­fen Auto“) ein­zu­stei­gen. Es war der öster­rei­chi­sche Kon­struk­teur Hans Led­win­ka, der im Jahr 1920 mit dem Erst­mo­dell Steyr II einen gro­ßen Wurf lan­de­te. Das Modell begrün­de­te den wirt­schaft­li­chen Erfolg der Mar­ke. Man ver­such­te sogleich, sich mög­lichst unab­hän­gig von Zulie­fe­rern zu machen und hohe Fer­ti­gungs­tie­fe zu errei­chen, was auch gelang: Nur noch Elek­trik und Rei­fen kamen von außen.

Hans Led­win­ka, Fer­di­nand Por­sche und Karl Jenschke

Im Gegen­satz zu heu­te, wo Design und Ent­wick­lung neu­er Fahr­zeu­ge allein schon aus Grün­den der Markt­er­for­der­nis­se aus­schließ­lich in inter­na­tio­na­lem Team­work erfol­gen müs­sen, fand in der ers­ten Hälf­te des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts die­ser Vor­gang meist unter per­sön­li­cher Lei­tung  und in Ver­ant­wor­tung her­aus­ra­gen­der Kon­struk­teu­re statt. Dies wohl vor allem des­halb, weil die Mög­lich­kei­ten dama­li­ger maschi­nen­bau­li­cher Ent­wick­lun­gen ein brei­tes Feld für neue Kon­zep­te boten, die man am bes­ten unter der Lei­tung äußerst klu­ger und kom­pe­ten­ter Köp­fe rasch zu rea­li­sie­ren hoff­te. So waren die drei genann­ten Kon­struk­teu­re zu unter­schied­li­chen Zei­ten und in ver­schie­de­nem Maße auch für Steyr tätig.

Gelun­ge­ne Produkte … 

Die Fir­men­phi­lo­so­phie ziel­te auf Soli­di­tät, Robust­heit und Qua­li­tät, wovon die Typen XX, XXX und deren zahl­rei­che Vari­an­ten wie das Steyr-Taxi 45 von 1935 Zeug­nis able­gen. In Erin­ne­rung bleibt, dass ein sol­ches Taxi in Graz noch in den Sech­zi­ger Jah­ren in regel­mä­ßi­gem Ein­satz war. Auch als Expe­di­ti­ons­fahr­zeu­ge erlang­ten Steyr-PKW Berühmt­heit: Im Jahr 1929 ließ Ladis­laus von Almas­sy, Teil­neh­mer einer Wüs­ten­rei­se durch den Sudan, ver­lau­ten: „Er gab uns wäh­rend der gan­zen unver­gess­li­chen Fahrt nicht die gerings­te Arbeit. Der schöns­te Erfolg der Maschi­ne war wohl der, daß wir trotz der sen­gen­den Hit­ze nie­mals auch nur einen Trop­fen Was­ser dem Küh­ler nach­zu­fül­len hat­ten. Zur Beloh­nung gos­sen wir, wie wir es unter­wegs gelobt hat­ten, eine vol­le Fla­sche Whis­ky in den Küh­ler unse­res Steyr.“

… und zwei weni­ger gut gelungene

Der Erfolg der Fahr­zeu­ge ließ auch Fehl­schlä­ge leich­ter ver­schmer­zen. So etwa wur­de die von Fer­di­nand Por­sche ent­wi­ckel­te Type Aus­tria ein „Flop“, nur drei Exem­pla­re wur­den davon her­ge­stellt und das Pro­jekt abge­bro­chen. Der Grund dafür war nicht tech­ni­scher Natur, son­dern die plötz­lich ein­tre­ten­de Wirt­schafts­kri­se von 1929 samt mit­fol­gen­den Ereig­nis­sen, die auch den Abschied von Fer­di­nand Por­sche aus Steyr zur Fol­ge hat­ten. Ein wei­te­rer Miss­erfolg war der Ver­such, zusam­men mit Opel einen Klein­wa­gen auf die Räder zu stel­len. Die­ser Opel-Steyr von 1932 erhielt den Spott­na­men „Stop­pel“ und kam bei der Kund­schaft nicht an. Anzu­mer­ken ist, dass dies nicht an der Qua­li­tät gele­gen sein konn­te: Auch ein der­ar­ti­ges Modell war noch in den Sech­zi­ger Jah­ren in der Stei­er­mark von einem Markt­fah­rer in stän­di­ger Verwendung.

Fort­schritt­lich und solide

Aber der Erfolg kam zurück! Die haus­ei­ge­nen Ent­wick­lun­gen führ­ten zu einer Viel­zahl von Paten­ten und zu neu­en Model­len, aus denen der Steyr 100 her­vor­sticht: Strom­li­ni­en­för­mig, tech­nisch aus­ge­reift und wie­der­um äußerst robust. Max Reisch umrun­de­te mit einem der­ar­ti­gen Fahr­zeug die Welt, die Erst­be­fah­rung der gera­de neu errich­te­ten Glock­ner-Hoch­al­pen­stra­ße erfolg­te 1934 eben­falls mit einem der­ar­ti­gen Modell. – Von wei­te­ren Fahr­zeu­gen aus den Mitt­drei­ßi­gern sei hier nur der äußerst ele­gan­te 220er erwähnt, der als Cabrio­let und als Limou­si­ne erhält­lich war. Ein ande­rer Onkel durf­te letz­te­re Ver­si­on eine Zeit­lang sein Eigen nen­nen. Der letz­te 220er lief im Jah­re 1941 vom Band und been­de­te damit die Geschich­te der Steyr-Per­so­nen­kraft­wa­gen. Das Werk muss­te auf Kriegs­pro­duk­ti­on umstellen.

Das Erfolgs­mo­dell schlechthin

Zuvor war es aber noch zum erfolg­reichs­ten jemals in Steyr her­ge­stell­ten Wagen gekom­men, dem zu Beginn erwähn­ten Baby. Die­ser von Karl Jensch­ke ent­wi­ckel­te Klein­wa­gen der Typen 50 und 55 besaß selbst­tra­gen­de Karos­se­rie, Platz für vier Per­so­nen und aus­rei­chend Raum für Gepäck. Auf­fal­lend war nicht nur sei­ne strom­li­ni­en­för­mi­ge und daher wind­schlüpf­ri­ge Kon­struk­ti­on, son­dern auch das ver­füg­ba­re Schie­be­dach. Der Wagen ging 1936 in Seri­en­pro­duk­ti­on und fand sofort rei­ßen­den Absatz. Ins­ge­samt wur­den im Zeit­raum 1936 bis 1940 ins­ge­samt 13.000 Stück her­ge­stellt. Ab dem Anschluss 1938 erhöh­te sich der Druck auf Steyr, das Modell ein­zu­stel­len, was 1940 auch geschah. Der Grund dafür war der 1936 als Pro­to­typ erst­mals vor­ge­stell­te und vom „Füh­rer“ bevor­zug­te KdF-Wagen, der spä­te­re Volks­wa­gen, zu dem das Baby offen­sicht­lich als zu star­ke Kon­kur­renz gese­hen wurde.

Was davon bleibt

Die Burg Strechau bei Rot­ten­mann in der Stei­er­mark stellt nicht nur ein Bau-Juwel mit span­nen­der Geschich­te und herr­li­cher Aus­sicht dar, son­dern beher­bergt auch eine äußerst sehens­wer­te Samm­lung von (betriebs­be­rei­ten!) Steyr-Per­so­nen­kraft­wa­gen aus allen vor­hin geschil­der­ten Modell­fa­mi­li­en. Dazu haben wahr­haft Tech­nik­be­geis­ter­te die Mög­lich­keit, in eine Fül­le von Kon­struk­ti­ons-Ori­gi­nal­zeich­nun­gen Ein­blick zu neh­men! Ange­neh­mer­wei­se kann man eine Burg­be­sich­ti­gung ele­gant mit dem Aus­stel­lungs­be­such aus­klin­gen las­sen, wobei auch für sehr aus­führ­li­che Besich­ti­gung der ein­zel­nen Auto­mo­del­le genug Zeit bleibt. – Allen jenen, die immer wie­der auf der Auto­bahn an der Burg vor­bei­kom­men und schon län­ger den Wunsch ver­spü­ren, „irgend­wann ein­mal“ dort hin­auf­zu­fah­ren, sei gesagt: Tun Sie’s bei der Rück­fahrt oder spä­tes­tens beim nächs­ten Mal – es zahlt sich in vie­ler­lei Hin­sicht aus. Außer­dem: Zwei wun­der­schön restau­rier­te Babys war­ten auf Sie!

Quel­len:

-          Burg Strechau – 150 Jah­re Steyr, Per­so­nen­kraft­wa­gen von 1920 bis 1941, Edi­ti­on Jesi­na & Boesch Pri­vat­stif­tung, ISBN 978–3‑902216–50‑2

-          https://www.fahrtraum.at/ferdinand-porsche-bei-steyr-genialer-zwischenstopp/

-          https://steyrregister.com/

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