Neues aus dem Narrenturm (#1)

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Turm

„Der Kin­der und der Nar­ren Mund tun den Men­schen Wahr­heit Kund“ – so oder ähn­lich lau­tet eine alte Volks­weis­heit. Jetzt ist das so eine Sache mit den Nar­ren und der Wahr­heit. Für die drau­ßen sind die Nar­ren nicht nor­mal. Kei­ner nimmt sie ernst, auch wenn sie die Wahr­heit sagen. Die Nar­ren im Turm, um die es hier geht, sehen das spie­gel­ver­kehrt, sich als nor­mal – sofern man halt über­haupt nor­mal sein kann. Und die drau­ßen sind aus Sicht der Nar­ren manch­mal echt selt­sam und es ist oft schwie­rig, sie ernst zu neh­men. Unend­lich dank­bar sind die drin­nen aber für das Geschenk, das die drau­ßen ihnen, den Nar­ren, gewährt haben: Die Narrenfreiheit!

Die­se Frei­heit ist für die Nar­ren im Turm ein kost­ba­res Gut, garan­tiert sie doch ein hohes Pri­vi­leg: Den Luxus, eine eige­ne Mei­nung besit­zen und auch äußern zu dür­fen. Das ist nütz­lich für die See­len­hy­gie­ne, stress­ver­hin­dernd und somit gesund­heits­för­dernd. Schließ­lich wird jemand aus der Nar­ren­zunft nicht medi­al fer­tig­ge­macht, bedroht, gelöscht und lan­det auch nicht vor einem Gericht, wenn er ein­mal – absicht­lich oder ver­se­hent­lich – eine unan­ge­neh­me Wahr­heit aus­spricht. Oder bei­spiels­wei­se ein Narr jeman­den in der Hit­ze der Dis­kus­si­on einen Idio­ten nennt. Selbst wenn dies zuträ­fe, könn­te der so Adres­sier­te dies ele­gant igno­rie­ren, denn das kön­ne ja nur ein Narr behaup­ten. Ein Narr kann ja auch wirk­lich fol­gen­los aus­spre­chen, was er denkt oder sieht. Die Nar­ren im Turm sind des­halb ein mun­te­res und unbe­schwer­tes Völkchen.

Nicht berie­selt, aber informiert

Das auch des­halb, weil sie schon vor Jahr­zehn­ten ihr ein­zi­ges Fern­seh­ge­rät ent­sorgt hat­ten und seit­her den Kon­sum sons­ti­ger Mas­sen­me­di­en eher zurück­hal­tend und wäh­le­risch anleg­ten. Selt­sa­mer­wei­se schie­nen sie auch Außen­ste­hen­den zufol­ge, die mit ihnen regel­mä­ßig zu tun hat­ten, über wirk­lich wich­ti­ge Din­ge trotz­dem oder gera­de des­we­gen recht gut und aktu­ell infor­miert zu sein. Was die kon­tak­tie­ren­den Zeit­ge­nos­sen auch ver­wun­der­te, waren die in der Behau­sung der Nar­ren aller­or­ten vor­zu­fin­den­den Sta­pel an Zeit­schrif­ten und Büchern über unter­schied­lichs­te Inter­es­sens­ge­bie­te. Was die Turm­be­woh­ner aber damit zu erklä­ren wuss­ten, dass die Gemein­schaft der „Bücher­nar­ren“ als eine ihrer Art zuge­hö­ri­ge Unter­ka­te­go­rie anzu­se­hen und bei ihnen will­kom­men sei.

Wer kennt sich in Ver-rückt-hei­ten aus?

Zurück zum The­ma. Nar­ren den­ken bekannt­lich unkon­ven­tio­nell. Das nach Bedarf ein­lul­len­de oder auf­sta­cheln­de von Mas­sen­me­di­en ver­brei­te­te betreu­te Den­ken stell­te für sie kei­ne Ver­lo­ckung dar. Was sie aus Nar­ren­sicht zu stö­ren begann war, dass frü­her gel­ten­de Gren­zen längst auf­ge­weicht wor­den sei­en. Wer kön­ne noch nach­weis­ba­re Tat­sa­chen einer­seits und Erfin­dun­gen, Mei­nungs­ma­che oder unver­hoh­le­nen Lügen ande­rer­seits aus­ein­an­der­hal­ten? Wirk­lich wich­ti­ge Ange­le­gen­hei­ten öffent­li­cher Natur sei­en nicht mehr zu unter­schei­den von sol­chen aus künst­lich auf­ge­bausch­ter Wich­tig­keit. Das erschien den Nar­ren ver-rückt und trieb sie dazu an, sich ihrer Ver­ant­wor­tung ent­spre­chend in Debat­ten ein­zu­brin­gen. Daher soll hier in Zukunft fall­wei­se und anlass­be­zo­gen über Mel­dun­gen aus dem Nar­ren­turm berich­tet werden.

Das Match Solar­mo­duln gegen Ackerflächen

Für heu­te mel­de­te sich aus dem Turm der Tech­nik­narr zu Wort. Er habe gehört, in der Stei­er­mark lau­fe eine Aus­ein­an­der­set­zung um Nach­hal­tig­keit – oder was man dar­un­ter gera­de halt so ver­ste­hen wür­de. Kon­kret wol­le man ein paar Qua­drat­ki­lo­me­ter agra­risch genutz­tes Acker­land mit Solar­mo­duln zupflas­tern. Dage­gen wür­den sich jene stu­ren Bau­ern weh­ren, die nach wie vor ihren Grund für den Anbau von Lebens­mit­teln und Fut­ter­pflan­zen zweck­ent­frem­den woll­ten. Aber die Solar­frit­zen wür­den mit schö­nen Pacht­erträ­gen locken. Außer­dem müs­se man an die armen Ver­kehrs­teil­neh­mer den­ken. Wo sonst soll­ten sie denn den Öko-Strom für die künf­tig mas­sen­haft her­um­kur­ven­den Elek­tro­ve­hi­kel her­neh­men? Jawoll, woher denn sonst? Und außer­dem: Kli­ma­schutz habe doch Vor­rang, oder? Zudem habe sich das Land ver­pflich­tet, sound­so viel Strom aus Solar­ener­gie zu erzeu­gen, die lächer­lich weni­gen ver­füg­ba­ren Dächer allein reich­ten dazu bei wei­tem nicht aus …

Der Tech­nik­narr sieht das auf sei­ne Weise 

Der Tech­nik­narr sieht in Groß­an­la­gen zur Solar­strom­erzeu­gung in unse­rer Regi­on schlicht einen Irr­weg. Solar­ener­gie sei über­haupt nur sinn­voll, wenn sie dezen­tral, vor Ort oder in unmit­tel­ba­rer Nähe genutzt wer­den kön­ne. Und sich dazu auf geeig­net ori­en­tier­te Haus- oder Hal­len­dä­cher beschrän­ke. Dabei sol­le man es bewen­den las­sen. Die vie­len drau­ßen frei lau­fen­den „Exper­ten“ mögen end­lich ein­se­hen, dass erneu­er­ba­re Ener­gie gerin­ge Ener­gie­dich­ten auf­wei­se und viel, oft zu viel Raum benö­ti­ge. Groß­flä­chi­ge, „groß­in­dus­tri­el­le“ Erzeu­gung von Solar­strom sei bei der­zei­ti­gem und abseh­ba­rem Stand der Tech­nik schlicht ein Unsinn. Die soge­nann­te „Ener­gie­po­li­tik“ müs­se sich ändern, viel­leicht dies­mal sogar mit Ein­satz von etwas Hirn­ener­gie. Und nicht über­zo­ge­nen Denk­an­sät­zen hin­ter­her­he­cheln und Gewalt­lö­sun­gen for­cie­ren. Oder gar Solar­ener­gie gegen Acker­flä­chen aus­spie­len. Meint der Tech­nik­narr, der miss­bil­li­gend sei­nen Kopf schüt­telt, bevor er rasch sein Turm­fens­ter schließt.

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