Klima-Sprachpolizei

Mütze

Sach­ver­stän­di­ge sind ange­hal­ten, Dar­stel­lun­gen und Aus­sa­gen in ihren Gut­ach­ten in einer Spra­che zu ver­fas­sen, die Lai­en in die Lage ver­setzt, den Inhalt zu ver­ste­hen. Die Tech­ni­ker unter ihnen sind ohne­hin Freun­de kla­rer Wor­te, müs­sen aber wie­der­um dar­auf ach­ten, Fach­be­grif­fe zu ver­mei­den oder aus­rei­chend zu erklä­ren. Wis­sen­schaft­ler stel­len die Defi­ni­ti­on ver­wen­de­ter Begrif­fe ganz vor­ne in ihre Arbei­ten. Poli­ti­kern und Akti­vis­ten hin­ge­gen geht es meist nicht um Klar­stel­lun­gen. Um ihre Absich­ten durch­zu­set­zen, deu­ten sie den Inhalt von Begrif­fen um oder erset­zen sie durch ihnen genehme.

Das geht im Extrem­fall so weit, dass bekann­te und posi­tiv besetz­te Begrif­fe geka­pert und inhalt­lich ins Gegen­teil umin­ter­pre­tiert, also neu gedeu­tet wer­den. Wor­te kön­nen die­ser­art als Waf­fen gebraucht wer­den. Das Schre­ckens­bild eines tota­li­tä­ren Staa­tes, der dies sys­te­ma­tisch betreibt, hat Geor­ge Orwell in sei­nem Roman „1984“ gezeich­net. Auch wenn man weiß, dass es sich um eine erfun­de­ne Geschich­te han­delt, die in der Zukunft spielt, ist der Inhalt in sei­ner Trost­lo­sig­keit und in sei­nem nega­ti­ven Aus­gang zutiefst erschüt­ternd. Das bleibt auch so, wenn man den Roman mehr­mals liest.

Sub­ti­le Ver­än­de­rung mit neu­en „Wor­dings“

Heut­zu­ta­ge lau­fen Beein­flus­sungs­ver­su­che nicht der­art bru­tal. Sie kom­men viel sub­ti­ler, ver­die­nen aber nichts­des­to­trotz Auf­merk­sam­keit und kri­ti­sche Vor­sicht. Ein inter­es­san­tes Bei­spiel dazu lie­fert die ver­mut­lich über­wie­gend aus Steu­er­mit­teln finan­zier­te Öster­rei­chi­sche Ener­gie­agen­tur, die unter dem gänz­lich unver­fäng­li­chen, aber ein­deu­tig irre­füh­ren­den Titel „Ener­gie­hand­buch“ neue „Wor­dings“ (Eng­lisch laut dict.leo.org für Wort­laut, For­mu­lie­rung, For­mu­lie­rungs­spiel­raum, Aus­drucks­wei­se, Anm.) zum The­ma Kli­ma vor­stellt. Es kann von der Sei­te www.energyagency.at her­un­ter­ge­la­den werden.

„mis­si­on­ze­ro“

Im Vor­wort der 44-sei­ti­gen Schrift wird erklärt, dass die Ener­gie­agen­tur Ant­wor­ten für eine kli­ma­neu­tra­le Zukunft ent­wi­ckeln will, mit dem Ziel, dass durch Ein­satz neu­er Tech­no­lo­gien durch Leben und Wirt­schaf­ten kein Ein­fluss mehr auf unser Kli­ma gege­ben ist. Dazu wird „die mis­si­on­ze­ro“ (für die­sen eng­lisch klin­gen­den Aus­druck lie­fert dict.leo.org lei­der kei­ne Erklä­rung, Anm.) der Öster­rei­chi­schen Ener­gie­agen­tur pro­pa­giert, was gemäß ihrer Orga­ni­sa­ti­ons­be­schrei­bung den völ­li­gen Aus­stieg aus Koh­le, Öl, Gas und Atom­kraft bedeu­ten soll. Das Ziel klingt löb­lich und wäre genaue­rer Betrach­tung wert, was aber hier nicht The­ma sein soll.

Was erwar­tet man sich unter einem Energiehandbuch?

Aber sehen wir uns näher an, was das „Ener­gie­hand­buch“ bedeu­ten soll. Den Aus­füh­run­gen im Vor­wort ist zu ent­neh­men (Zita­te kur­siv):

Dabei arbei­ten wir auf wis­sen­schaft­li­cher Basis, die Ergeb­nis­se wer­den und sol­len jedoch nicht nur von Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­lern wahr­ge­nom­men wer­den. Schließ­lich möch­ten wir unter­schied­li­che Dia­log­grup­pen und dabei durch­aus auch die all­ge­mei­ne Öffent­lich­keit anspre­chen. Die Ergeb­nis­se, die wir pro­du­zie­ren, sind schrift­li­che Berich­te bestehend aus Zah­len, Tabel­len, Gra­fi­ken – und vie­le Wor­ten. Wor­te sind das Werk­zeug, mit denen wir das Fazit unse­rer Tätig­keit weitergeben. 

Wis­sen­schaft­li­che For­schung oder poli­ti­scher Aktivismus?

Das alles ist ver­ständ­lich und zu begrü­ßen, die Arbeit der Ener­gie­agen­tur erfolgt auf wis­sen­schaft­li­cher Basis, was aller­dings ange­sichts ihres Namens erwar­tet wer­den darf. Inso­fern unter­schei­det sich die Tätig­keit der Ener­gie­agen­tur auch nicht von der eines gewis­sen­haf­ten Sach­ver­stän­di­gen, der sich sei­ner Ver­ant­wor­tung bewusst ist. Sehen wir weiter:

Und da wir nicht für die Schub­la­de pro­du­zie­ren, möch­ten wir, dass unse­re Wor­te ver­stan­den wer­den. Im nächs­ten Schritt sol­len sie auch Hand­lun­gen aus­lö­sen. Häu­fig ist dabei sogar wesent­lich, dass die­se Hand­lun­gen rasch durch­ge­führt wer­den. Denn um die Kli­ma­ka­ta­stro­phe abzu­wen­den, müs­sen ent­spre­chen­de Maß­nah­men jetzt gesetzt wer­den, damit uns nicht die Zeit davonläuft.

Zwei Din­ge ste­chen ins Auge

Ers­tens ist die Ener­gie­agen­tur gemäß ihrer Web­site ein „Wis­sen­schaft­li­cher Ver­ein als über­re­gio­na­le For­schungs­ein­rich­tung.“ Mit dem „Ener­gie­hand­buch“ will die Ener­gie­agen­tur zum Han­deln in eine bestimm­te Rich­tung ani­mie­ren. Sie nimmt damit sel­ber das poli­ti­sche Heft in die Hand und wird Akti­vis­tin, womit sie die Sphä­re der Wis­sen­schaft ver­lässt. Will die Ener­gie­agen­tur jetzt ihren Sta­tus als wis­sen­schaft­li­cher Ver­ein auf­ge­ben? Die zwei­te Sache ist das Wort „Kli­ma­ka­ta­stro­phe“.  Womit bit­te recht­fer­tigt die Ener­gie­agen­tur den Gebrauch eines der­ar­ti­gen unwis­sen­schaft­li­chen Begriffs? Dann lesen wir:

Es liegt auf der Hand, dass tech­ni­sche Begrif­fe wie etwa „Dekar­bo­ni­sie­rung“, „Demand Side Manage­ment“ oder „Smart Meter“ oder vie­le ande­re wis­sen­schaft­li­che Fach­aus­drü­cke oft­mals nicht ver­stan­den wer­den. Auch moti­vie­ren sie zumeist nicht dazu, Hand­lun­gen zu set­zen oder Ver­hal­ten zu ändern. Das ist natür­lich auch für unse­re Auf­trag­ge­be­rin­nen und Auf­trag­ge­ber nicht ideal.

Doch die­ses Pro­blem geht weit über die Fach­spra­che hin­aus. Auch eta­blier­te, ver­meint­lich posi­ti­ve Begrif­fe lösen immer wie­der völ­lig fal­sche Asso­zia­tio­nen, Gedan­ken­bil­der und letzt­lich Hand­lun­gen aus. Das liegt dar­an, dass die Bedeu­tung von Wör­tern und Begrif­fen von ihren Deu­tungs­rah­men (Frames) abhängt. Wir ver­ste­hen also – in vie­len Fäl­len auch unbe­wusst – einen Begriff abhän­gig davon, wie er mit The­men, Ereig­nis­sen und auch Gefüh­len ver­knüpft ist. Die­ses Phä­no­men wird als Framing bezeich­net und mit­un­ter als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­nik ver­wen­det, um die öffent­li­che Wahr­neh­mung von Sach­ver­hal­ten zu beein­flus­sen. Ein ganz kon­kre­tes Bei­spiel für Framing aus unse­rer Bran­che ist „Erd­er­wär­mung“. Wär­me ist ein posi­tiv besetz­ter Begriff. Wir emp­fin­den war­men Son­nen­schein als ange­neh­mer als kal­ten Wind. Aber auch im über­tra­ge­nen Sinn greift das Kon­zept: Wir erwär­men uns für eine gute Idee, wir freun­den uns mit warm­her­zi­gen Men­schen an oder unser Herz erwärmt sich, wenn wir klei­ne Kin­der sehen. „Glo­ba­le Erwär­mung“ ist also denk­bar unge­eig­net, wenn wir auf Gefah­ren und drin­gen­de Hand­lungs­not­wen­dig­kei­ten hin­wei­sen, die durch einen welt­wei­ten Tem­pe­ra­tur­an­stieg ent­ste­hen werden.

Und in die­sem Ton geht es wei­ter in die­ser Bro­schü­re, die sich irgend­wann im Text als „Ener­gie-Wör­ter­buch“ bezeich­net, bis schließ­lich für ein­ge­führ­te Begrif­fe ganz kon­kre­te Ände­rungs­vor­schlä­ge kom­men, die nun­mehr nach einem „Lebens­frame“ gestal­tet wor­den sind. Inter­es­sier­te Leser mögen sich selbst ein Bild davon machen. Nur ein paar Kostproben:

-          Statt Erd­er­wär­mung, Kli­ma­er­wär­mung, Glo­ba­le Erwär­mung soll es jetzt hei­ßen: Erd­er­hit­zung, es wird hei­ßer, der glo­ba­le Tem­pe­ra­tur­an­stieg, die Erhit­zung des Planeten

-          Statt Kli­ma­wan­del: Kli­ma­kri­se, Kli­ma­ka­ta­stro­phe, der glo­ba­le Tem­pe­ra­tur­an­stieg, (vom Mensch (sic!) aus­ge­lös­te) Erd­er­hit­zung, die Erhit­zung des Pla­ne­ten, das Kli­ma kippt

-          Statt Kli­ma­wen­de, Ener­gie­wen­de: die nach­hal­ti­ge Ener­gie­zu­kunft, die kli­ma­neu­tra­le Ener­gie­zu­kunft, Umbau unse­rer Ener­gie­ver­sor­gung, Umstieg auf uner­schöpf­li­che Ener­gie­quel­len, der Weg aus der Abhän­gig­keit von Öl, Koh­le und Erd­gas, Neu­an­fang, neue Ener­gie­chan­cen nutzen

-          Statt Erneu­er­ba­re Ener­gie: (uner­schöpf­li­che) Ener­gie aus Was­ser, Son­ne, Wind und Wald, wir nüt­zen natür­li­che Res­sour­cen, wir nüt­zen die Kraft der Natur, natür­li­che Ener­gie, uner­schöpf­li­che, vor­han­de­ne Energie

-          Statt Kli­ma­wan­del­an­pas­sung: Anpas­sung an die vom Men­schen her­vor­ge­ru­fe­ne Kli­ma­kri­se, Schutz­maß­nah­men, um sich vor den Schä­den der Kli­ma­kri­se zu schüt­zen und damit umzu­ge­hen, sich vor den Aus­wir­kun­gen der Kli­ma­kri­se schüt­zen und ler­nen, damit zu leben

-          Statt Ener­gie­ef­fi­zi­enz: mehr mit weni­ger errei­chen, mit weni­ger Ener­gie das­sel­be Ergeb­nis oder sogar mehr erreichen/erzielen, glei­ches mit weni­ger errei­chen, ohne Kom­fort­ver­lust, ohne zu ver­lie­ren, bes­ser aus­nut­zen, klug nut­zen, aus weni­ger mehr machen, mit etwas Wert­vol­lem wie Ener­gie acht­sam umgehen 

-          Etc., etc.

Ein Kom­men­tar dazu

Drei Aspek­te fin­de ich erwähnenswert:

-          Ers­tens, dass längst ein­ge­führ­te Begrif­fe wie Erneu­er­ba­re Ener­gie oder Ener­gie­ef­fi­zi­enz auch der brei­ten Öffent­lich­keit durch­aus geläu­fig sind, dass man aber deren Bedeu­tung gesprächs­wei­se meist ohne­hin kon­kre­ti­sie­ren muss. Infan­ti­li­sie­run­gen die­ser Begrif­fe sind bestimmt nicht notwendig.

-          Zwei­tens, dass sol­che Sprach­re­gu­lie­rungs­ver­su­che Erin­ne­rung an unse­li­ge Ver­gan­gen­heit hoch­kom­men lässt, in der Ein­deut­schun­gen kaba­ret­tis­tisch anmu­ten­de Resul­ta­te zur Fol­ge hat­ten (als zum Bei­spiel aus einem 4‑Zy­lin­der-Explo­si­ons­mo­tor ein Vier-Topf-Zer­knall-Trieb­ling wur­de); und schließlich

-          Drit­tens, dass wir alle etwas sorg­sa­mer dar­auf ach­ten sol­len, dass in geför­der­ten halb­öf­fent­li­chen Orga­ni­sa­tio­nen nicht Steu­er­mit­tel für Din­ge ver­braucht wer­den, die der – sanf­ten, aber ein­deu­ti­gen – Mani­pu­la­ti­on von Sprach­ge­wohn­hei­ten und damit der Len­kung von Men­schen in eine bestimm­te ideo­lo­gisch gewoll­te Rich­tung dienen.

Ich hal­te abschlie­ßend fest, dass ich der Ener­gie­agen­tur durch­aus bes­te Absich­ten zuge­ste­he und die Arbeit ihrer Mit­ar­bei­ter respek­tie­re. Aber es kann nicht Auf­ga­be eines wis­sen­schaft­li­chen Ver­eins sein, die Art der sprach­li­chen öffent­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on regu­lie­ren, ja ein­engen zu wol­len. Schon gar nicht, als Sprach­po­li­zei zu wir­ken, die in eine bestimm­te, von grund­lo­sem Alar­mis­mus ange­krän­kel­te Rich­tung len­ken will.

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