Die Rehkitz-Legende

Legende

In der Volks­schu­le habe ich grund­le­gen­de Din­ge gelernt, die für mein Leben nach­hal­tig prä­gend, weg­wei­send, wich­tig und hilf­reich waren. Fer­tig­kei­ten wie Lesen, Schrei­ben, Rech­nen. Prin­zi­pi­en unse­res mensch­li­chen Zusam­men­le­bens. Auch wesent­li­che Anbe­lan­ge unse­res Umfel­des und der Natur gehör­ten dazu. Unse­re Leh­re­rin war gewis­sen­haft, ihr Lehr­stil nach­drück­lich und ein­präg­sam. Sie hieß Fleisch­ha­cker und viel­leicht auch des­halb war mit ihr in Bezug auf Dis­zi­plin nicht zu spa­ßen. Und in Din­gen, die wir uns fürs Leben mer­ken soll­ten war sie sehr, sehr deut­lich. Dazu gehör­te auch die Sache mit den allein­ge­las­se­nen Rehkitzen.

Soll­ten wir in Wald oder auf der Wie­se eines sol­chen ansich­tig wer­den, dürf­ten wir es unter kei­nen Umstän­den berüh­ren. Denn, so wur­de uns erklärt, wür­de die Reh­mut­ter am Klei­nen auch nur den zar­tes­ten Hauch mensch­li­chen Kon­takts wit­tern, wür­de die es sofort ver­sto­ßen. Das arme Geschöpf wäre damit einem qual­vol­len Hun­ger­tod aus­ge­lie­fert. Ent­spre­chen­des wur­de wahr­schein­lich auch den Gene­ra­tio­nen vor und nach uns ein­ge­trich­tert, nicht nur in Bezug auf Rehe: Mei­ne neu­lich auf Besuch wei­len­de und längst erwach­se­ne Toch­ter warn­te mich, ein im Gar­ten ver­einsamt vor­ge­fun­de­nes Vogel­kind anzu­tas­ten, denn die Mut­ter … sie­he oben.

Die Bot­schaft wirkte

Zurück zum Reh­kitz. Ich hät­te das in der Volks­schu­le Gelern­te wohl beher­zigt. Mit Sicher­heit hät­te ich das Tier­chen nicht ange­rührt. Zu tief wäre die Sor­ge gewe­sen, andern­falls vom Jagd­päch­ter als Urhe­ber eines Rot­wild-Wai­sen­kind-Kada­vers erwischt als Tier­mör­der dazu­ste­hen und folg­lich als Mis­se­tä­ter abge­straft zu wer­den. Eben­so brem­send wäre der tief ein­ge­wur­zel­te Respekt vor der Leh­re­rin und dem Nach­hall ihrer mah­nen­den Wor­te gewe­sen. Aller­dings bin ich – fast schon zu mei­nem Bedau­ern – anläss­lich von Wan­de­run­gen oder Spa­zier­gän­gen nie auch nur auf den gerings­ten Anschein eines ein­sa­men Reh­kit­zes gestoßen.

Der Leib­förs­ter klärt auf

Die­se Sache galt für mich, bis ich in der Jagd­schu­le Erz­her­zog Johann im gleich­na­mi­gen Hotel in Graz einen Vor­be­rei­tungs­kurs zur Jagd­prü­fung besuch­te. Der Vor­tra­gen­de, wenn ich mich recht erin­ne­re, ein Juli­us Lech­ner, hat­te sich als ehe­ma­li­gen Leib­förs­ter des obers­ten Ver­tre­ters eines Fürs­ten­hau­ses vor­ge­stellt. Offen­bar also ein alt­ge­dien­ter Jäger, der wuss­te, wovon er sprach. Irgend­wann wur­den auch die ver­las­se­nen Reh­kit­ze zum The­ma. Lachend ver­wies er die Sache in das Reich der Fabeln. Eine Reh­mut­ter wür­de ihr Kind genau­so wenig ver­sto­ßen wie eine mensch­li­che Mut­ter, wenn ihr Spröss­ling ein­mal von jemand ande­ren berührt würde.

Prä­ven­ti­ves Jägerlatein

Die­se Aus­sa­ge wur­de für mich eine Art Offen­ba­rung. Nicht der­art, dass ich sie fort­an als Auf­for­de­rung zum Reh­kitz-Strei­cheln gese­hen hät­te. Nein, son­dern in der Wei­se, dass es offen­sicht­lich Din­ge gab, in denen wir – aus uns ver­bor­ge­nen Grün­den – über wah­re Sach­ver­hal­te nach­hal­tig getäuscht wer­den soll­ten. Die Jäger woll­ten schlicht, dass ihr Wild in Ruhe gelas­sen wer­den möge, um unge­stört der Hege und in der Fol­ge dem Weid­werk frö­nen zu kön­nen. Die Reh­kitz­ge­schich­te war also nichts ande­res prä­ven­ti­ves Jäger­la­tein. Genau­er: Eine Lüge der Weid­män­ner und ‑frau­en, bestimmt auch zu ihrem Eigen­nutz und Vorteil.

War­um ich das alles schreibe? 

Ganz ein­fach: Wenn ich Dis­kus­sio­nen zu man­chen The­men ver­fol­ge, sehe ich des Öfte­ren wie­der ein Reh­kitz vor mir. Nur gehö­ren dies­mal die Ver­bots-Fin­ger des Nicht-Anstrei­fen-Dür­fens nicht Weid­wer­kern, son­dern Poli­ti­kern und Ver­tre­tern von irgend­wel­chen NGOs. Und die Fin­ger schwen­ken nicht vor zar­ten Tier­kör­pern hin und her, son­dern vor Aus­sa­gen, die uns als Ergeb­nis­se eines gesi­cher­ten wis­sen­schaft­li­chen Kon­sen­ses prä­sen­tiert wer­den. Die wir gefäl­ligst als gege­ben zu akzep­tie­ren hät­ten und die nicht hin­ter­fragt wer­den dür­fen. Für deren Nicht­an­er­ken­nung die Stig­ma­ti­sie­rung als Leug­ner und damit gesell­schaft­li­che Äch­tung drohen.

Zwei­fel gehört zur Wissenschaft

Wenn Ein­wän­de nicht mehr geäu­ßert wer­den dür­fen, wenn Beden­ken nicht erlaubt sind, ja wenn Wün­sche nach Dis­kus­sio­nen mit dem Hin­weis auf vor­geb­lich gesi­cher­te Wis­sen­schaft vom Tisch gewischt wer­den, wenn uns auf­ok­troy­iert wird, wor­an wir zu glau­ben haben, dann ist nicht nur für die Mei­nungs­frei­heit, son­dern auch für die Wis­sen­schaft Feu­er am Dach. Richard Feyn­man war Nobel­preis­trä­ger für Phy­sik, nicht nur exzel­len­ter Wis­sen­schaft­ler, son­dern auch aus­ge­zeich­ne­ter Leh­rer. Der sag­te fol­gen­des: „Wis­sen­schaft ist eine Kul­tur des Zwei­fels, Reli­gi­on ist eine Kul­tur des Glau­bens.“ Wir kön­nen ergän­zend hin­zu­fü­gen: „Poli­tik ist eine Kul­tur des Konsenses.“

Gibt es gesi­cher­te Wis­sen­schaft? Gibt es wis­sen­schaft­li­chen Konsens?

Die Ant­wort des Phi­lo­so­phen Karl Pop­per zur ers­ten Fra­ge lau­te­te schlicht nein, was auch beinhal­tet, dass man immer Fra­gen stel­len kön­nen muss. Poin­tiert zu bei­den Fra­gen die Mei­nung von Micha­el Crich­ton, erst Arzt, Wis­sen­schaft­ler, Dozent, dann Schrift­stel­ler, Dreh­buch­au­tor und Regis­seur: „His­to­risch gese­hen war der Anspruch auf Kon­sens immer eine Zuflucht von Gau­nern. Es ist ein Weg, Dis­kus­sio­nen zu ver­mei­den, indem man bean­sprucht, eine Sache sei bereits gesi­chert.“ Und „Wenn Du davon hörst, die Wis­sen­schaft­ler hät­ten Kon­sens in der einen oder ande­ren Sache, dann hal­te Dei­ne Geld­bör­se fest, denn man will Dich reinlegen.“

Die Rol­le der Aktivisten

Und wenn jemand alle drei Sphä­ren Wis­sen­schaft, Reli­gi­on und Poli­tik mit­ein­an­der ver­mischt, ist er ein Akti­vist. Das ist jemand, der etwas lob­by­iert, der eine bestimm­te Agen­da hat, der die genann­ten Sphä­ren als Läden sieht, aus denen er sich jener Ver­satz­stü­cke und Werk­zeu­ge bedient, die er auf dem Weg zu sei­nem Ziel gera­de braucht. Die Anzahl von Aktio­nis­ten wächst infla­tio­när. Anschei­nend gilt: Wer wich­tig tut und laut­stark ist, nennt sich heu­te Akti­vist. Man sehe sich nur die zahl­rei­chen Kom­men­ta­re sol­cher Leu­te in diver­sen Tages­zei­tun­gen an, die sich aus­nahms­los auf das Wie­der­käu­en von Schlag­wor­ten aus der jewei­li­gen Pro­pa­gan­dae­cke beschränken.

Was ist zu tun?

Für alle, die in den Berei­chen der Natur­wis­sen­schaf­ten und Tech­nik zu Hau­se sind, Frei­be­ruf­ler, Inge­nieu­re, Sach­ver­stän­di­ge etwa – als sol­cher kann ich mich äußern – muss gel­ten: Wie auch sonst immer wer­den wir in Aus­ein­an­der­set­zun­gen, die kom­men wer­den, nüch­tern und sach­lich blei­ben, das ent­spricht unse­rem Natu­rell. Aber wir müs­sen die aus unse­rer Sicht kri­ti­schen Din­ge klar und deut­lich beim Namen nen­nen und ins rech­te Licht rücken. Wenn es sein muss, auch laut­stark. Das tun wir weni­ger gern, weil wir gewohnt sind, zurück­hal­tend zu agie­ren. Aber es muss sein, allein schon aus Ver­ant­wor­tung für unse­re Ange­hö­ri­gen, Mit­men­schen und für die kom­men­den Generationen.

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