Die unsichere Zukunft der Sachverständigen (3)

Befund

Ent­schei­dend für die Zukunft der Sach­ver­stän­di­gen wird sein, wie und mit wel­cher Geschwin­dig­keit sich die Welt der Infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie und der Com­pu­ter wei­ter­ent­wi­ckelt. Wir wis­sen noch nicht, ob es die Sphä­ren der künst­li­chen Intel­li­genz oder von „Big Data“ sein wer­den oder von bei­den zusam­men, die sich ent­schei­dend auf die Arbeit der Exper­ten aus­wir­ken wer­den. Die Kern­fra­ge lau­tet: Ist der Sach­ver­stän­di­ge, ins­be­son­de­re der Mensch dahin­ter, über­haupt ersetz­bar? Die meis­ten Exper­ten wer­den lächelnd den Kopf schüt­teln: In man­chen Wis­sens­ge­bie­ten viel­leicht, aber sicher nicht in mei­nem, das ist viel zu komplex …

Aber Vor­sicht! Ist einer­seits die Über­zeu­gung von der eige­nen Uner­setz­lich­keit nicht eine gefähr­li­che Hal­tung, die vie­len ande­ren Beru­fen schon zum Ver­häng­nis gewor­den ist? Und ist es ange­sichts der Ver­än­de­run­gen, die etwa das Inter­net in unse­rem beruf­li­chen und pri­va­ten Leben bereits gebracht hat, zu mei­nen, alles wer­de so blei­ben wie bis­her? Mit­nich­ten. Das, was wir heu­te etwa an Such­ma­schi­nen oder sozia­len Medi­en haben, ist erst ein klei­ner Anfang. Die Fra­ge ist nur, ob wir aus dem Kom­men­den aktiv für uns selbst und ande­re Nut­zen zie­hen oder ob wir bloß Pas­sa­gie­re oder gar Leid­tra­gen­de sein werden.

Unter­schät­ze Maschinen

Die Fra­ge, ob wir das, was wir heu­te schon vor­fin­den, als künst­li­che Intel­li­genz bezeich­nen kön­nen, ist zweit­ran­gig. In den Acht­zi­gern haben etwa die ange­se­he­nen Wis­sen­schaft­ler Hubert und Stuart Drey­fus*) genau dar­ge­legt, war­um Maschi­nen, die den­ken wie ein Mensch, nicht mach­bar sein wür­den, weil sie nie arbei­ten könn­ten wie das mensch­li­che Gehirn. Das ist kor­rekt. Maschi­nen brau­chen das aber auch nicht. Denn wäh­rend der Schach­spie­ler mit Ver­stand und Intui­ti­on sei­nen nächs­ten Zug über­legt, kann sein Geg­ner, der Com­pu­ter, eini­ge tau­send Vari­an­ten durch­spie­len. Und wie man weiß, ist er damit erfolgreicher.

Fähig­kei­ten des Sachverständigen

Aber kann eine Maschi­ne mensch­li­che Fähig­kei­ten erset­zen? Nach Richard und Dani­el Suss­kind braucht ein Exper­te für sei­ne täg­li­che Arbeit vier Eigen­schaf­ten: 1. Kogni­ti­ve Fähig­kei­ten: Den­ken, Ver­ste­hen, Ana­ly­sie­ren, Nach­den­ken, Pro­blem­lö­sen, Reflek­tie­ren. 2. Emo­tio­na­le Fähig­kei­ten: Umgang mit eige­nen Gefüh­len und denen ande­rer. 3. Phy­si­sche und phy­sio­mo­to­ri­sche Fähig­kei­ten, wich­tig etwa für Ärz­te. 4. Mora­li­sche Fähig­kei­ten: Nicht nur die Unter­schei­dung zwi­schen rich­tig und falsch, gut und böse oder gerecht und unge­recht, son­dern auch die Bereit­schaft, Ver­ant­wor­tung für das eige­ne Han­deln zu übernehmen.

Was Maschi­nen tun können

Die­se Erkennt­nis­se aus dem Jahr 2015 decken sich weit­ge­hend mit Ergeb­nis­sen eige­ner Unter­su­chun­gen*) aus dem Jahr 2013. Was davon kann eine Maschi­ne über­neh­men? Nach Ansicht der Suss­kinds in naher Zukunft alles! Zu 1.: Mäch­ti­ge Such­ma­schi­nen, die Klar­text ver­ste­hen und heu­te schon für medi­zi­ni­sche Dia­gno­sen ein­ge­setzt wer­den, kön­nen bald für vie­le Wis­sens­be­rei­che Rea­li­tät sein. Zu 2.: Ja, eine Maschi­ne kann auf emo­tio­na­le Befind­lich­kei­ten Rück­sicht neh­men, sie­he Pfle­ge­ro­bo­ter. Aller­dings wird das Vor­han­den­sein emo­tio­na­ler Kom­pe­tenz gera­de bei Exper­ten aller Art über­schätzt, wie auch eige­ne Erkennt­nis­se zeigen ..,

Was wird aus der Moral?

Was die unter Punkt 3 genann­ten phy­si­schen oder phy­sio­mo­to­ri­schen Fähig­kei­ten betrifft, erüb­rigt sich jeder Zwei­fel, wenn man an die in der Chir­ur­gie bereits ein­ge­setz­ten Robo­ter denkt oder an auto­no­me Maschi­nen in der indus­tri­el­len Fer­ti­gung. Bleibt Punkt 4. mora­li­sche Fähig­kei­ten. Hier schei­nen Men­schen uner­setz­bar. Aber die Wis­sen­schaft­ler wei­sen dar­auf hin, dass Ver­ant­wor­tung im Grun­de dar­in besteht, erklä­ren zu kön­nen, wie man zu einem bestimm­ten Schluss gekom­men ist. Hier zie­hen sich Men­schen auf „Erfah­rung“ zurück. Fazit der Wis­sen­schaft: Auch hier bleibt den Men­schen immer weni­ger und weniger …

Tech­nik­sprün­ge sind nicht aufzuhalten

Natür­lich wird immer ein bestimm­ter Auf­ga­ben­be­reich für Sach­ver­stän­di­ge der gewohn­ten Art fort­be­stehen, denn man­che Din­ge wird man lie­ber mit einem Gegen­über aus der glei­chen Spe­zi­es durch­ar­bei­ten als mit Maschi­nen. Aber mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit ist ange­sichts der bis­he­ri­gen und wei­ter zu erwar­ten­den Tech­no­lo­gi­sie­rung der kom­men­den Jah­re zu erwar­ten, dass deut­lich weni­ger kon­ven­tio­nel­le Auf­ga­ben blei­ben. Dazu kommt, dass lau­fend immer mehr spe­zia­li­sier­tes Wis­sen frei ver­füg­bar und über neue Mög­lich­kei­ten noch leich­ter zugäng­lich sein wird als bisher.

Was bedeu­tet das für die Zukunft der Sachverständigen? 

Der Sach­ver­stän­di­ge, wie wir ihn heu­te ken­nen, wird nicht von heu­te auf mor­gen plötz­lich ver­schwin­den. Aber es besteht ange­sichts der vor­hin geschil­der­ten Zusam­men­hän­ge in den kom­men­den Jah­ren die unan­ge­neh­me Aus­sicht auf eine zuneh­men­de „tech­no­lo­gi­schen Arbeits­lo­sig­keit“ für Sach­ver­stän­di­ge der kon­ven­tio­nel­len Art. Nach Ansicht der Wis­sen­schaft wer­den nur die Bes­ten der Bes­ten in den vor­hin beschrie­be­nen Fähig­kei­ten über­le­ben kön­nen. Aller­dings auch nur dann, wenn die zuneh­mend an Gra­tis­in­for­ma­tio­nen gewöhn­te Gesell­schaft bereit ist, die­sen Exper­ten den gerech­ten Lohn für ihre Mühe zuzugestehen.

*) Hubert Dreyfus/Stuart Drey­fus, Mind over Machi­ne – The Power of Human Intui­ti­on and Exper­ti­se in the Era of the Com­pu­ter, The Free Press 1986

*1) Suss­kind R. und D., The Future of the Pro­fes­si­ons“, Oxford 2015, S. 15

*) Son­nek R. I., Qua­li­täts­ma­nage­ment für Sach­ver­stän­di­ge, Dis­ser­ta­ti­on, Tech­ni­sche Uni­ver­si­tät Graz 2013

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