Die unsichere Zukunft der Sachverständigen (2)

SV

Es ist ein Merk­mal nicht nur unse­rer Zeit, dass tra­di­tio­nel­le Auto­ri­tä­ten infra­ge gestellt wer­den. Dabei den­ken wir wahr­schein­lich zuerst an Poli­tik oder an ver­schie­de­ne Berei­che der Gesell­schaft. Neu dar­an ist, dass zuneh­mend auch fach­lich her­vor­ste­chen­de Per­so­nen­grup­pen oder Insti­tu­tio­nen, ja sogar die frei­en Beru­fe als Gan­zes unter Beschuss gera­ten und von zwei Sei­ten zugleich in die Zan­ge genom­men wer­den: Ein­mal gesell­schaft­lich von der gesamt­eu­ro­päi­schen Bestre­bung, ech­te oder schein­ba­re Pri­vi­le­gi­en abzu­bau­en, Stich­wort Dienst­leis­tungs­richt­li­nie; Auf der ande­ren Sei­te tech­nisch durch die Digitalisierung.

Zur Klar­stel­lung sei zu aller­erst gesagt, dass hier kei­ner Ableh­nung der Dienst­leis­tungs­richt­li­nie das Wort gespro­chen wer­den soll, im Gegen­teil sind etwa Dienst­leis­tungs- oder Nie­der­las­sungs­frei­heit unab­ding­ba­re Vor­aus­set­zun­gen eines funk­tio­nie­ren­den Bin­nen­markts. Dies umso mehr, als zu beden­ken ist, dass der größ­te Teil der Wert­schöp­fung in den west­li­chen Indus­trie­staa­ten, näm­lich mehr als zwei Drit­tel, durch Dienst­leis­tun­gen erbracht wird und der gesam­te Sek­tor zugleich den größ­ten Arbeit­ge­ber abgibt. Nicht ohne Grund spre­chen wir davon, dass wir in einer Dienst­leis­tungs­ge­sell­schaft leben.

Gefahr der Nivel­lie­rung nach unten

Was aber in die­sem Zusam­men­hang sehr wohl hohe Auf­merk­sam­keit ver­dient, ist die Tat­sa­che, dass Dienst­leis­tun­gen ganz all­ge­mein und sol­che der frei­en Beru­fe und ande­rer anspruchs­vol­ler im Beson­de­ren bestimm­ten anspruchs­vol­len Qua­li­fi­ka­tio­nen unter­lie­gen, sowohl was Zugang und Aus­übung betrifft. Wer hier­zu­lan­de etwa Rechts­an­walt oder Zivil­tech­ni­ker wer­den will, muss sehr hohen Anfor­de­run­gen an Aus­bil­dung und beruf­li­cher Erfah­rung genü­gen. Das Bestre­ben um Har­mo­ni­sie­rung bringt gewollt oder unge­wollt immer die Ten­denz einer Anglei­chung und damit die Gefahr einer Nivel­lie­rung, meist nach unten.

Der Preis der Spitzenleistung

Die­se Nivel­lie­rung ist durch­aus in der Absicht all jener, die sich dadurch leich­te­ren Zugang und in Fol­ge höhe­ren Wett­be­werb ver­spre­chen, mit dem Ziel, Leis­tun­gen kos­ten­güns­ti­ger zu und für die All­ge­mein­heit leich­ter erschwing­lich zu machen. Hin­ter dem Ansin­nen der gene­rel­len Kos­ten­sen­kung und dadurch leich­te­ren Zugäng­lich­keit zu anspruchs­vol­len Leis­tun­gen mögen heh­re Moti­ve ste­hen. Die aber neh­men kei­ne Rück­sicht auf Anstren­gung und Auf­wand, den jemand an Lern­zeit und Kos­ten für Aus­bil­dung und Erhal­tung der Spit­zen­kom­pe­tenz auf sich neh­men muss und den er sich ein­nah­men­sei­tig erst erar­bei­ten muss.

Qua­li­fi­ka­ti­on braucht Regeln

Höchst­mög­li­che Kom­pe­tenz zu nied­rigs­tem Preis wird es aber nicht geben kön­nen, denn Selbst­stän­di­ge, die in einem Arbeits­feld nicht genug zum nach­hal­ti­gen auch finan­zi­el­len Erfolg kom­men kön­nen, wer­den ihr Wis­sen nicht ver­schleu­dern, son­dern sich lukra­ti­ve­ren Auf­ga­ben zuwen­den. Für die All­ge­mein­heit gehen dadurch pro­fes­sio­nel­les Wis­sen ver­lo­ren. Das Set­zen geeig­ne­ter Qua­li­fi­ka­ti­ons­nor­men durch Zugangs­re­geln und die Auf­recht­erhal­tung die­ser muss daher im Inter­es­se einer funk­tio­nie­ren­den Gemein­schaft lie­gen. Was aber nicht aus­schließt, dass man­che tra­di­tio­nel­le Leis­tun­gen preis­güns­ti­ger wer­den können.

Ers­ter Schritt zur Umgestaltung

Hier kommt die Digi­ta­li­sie­rung ins Spiel. Die bereits bespro­che­nen For­schungs­ar­bei­ten von Sus­kind, aber auch von ande­ren Wis­sen­schaft­lern beschäf­ti­gen sich inten­siv damit, wie die Ent­wick­lun­gen der nähe­ren Zukunft aus­se­hen kön­nen. Dazu wur­den zuerst die Tätig­kei­ten einer gan­zen Rei­he frei­er Beru­fe unter­sucht mit dem Ziel, her­aus­zu­fin­den, was denn die Aktio­nen des typi­schen Exper­ten sind. Eine Erkennt­nis die­ser Ana­ly­se ist die, dass sehr vie­le Tei­le der Arbeit in der Bewäl­ti­gung von Rou­ti­ne­auf­ga­ben bestehen, die von gerin­ger Qua­li­fi­zier­ten oder aber auch direkt von Com­pu­tern über­nom­men wer­den können.

Kom­men „Para-Sach­ver­stän­di­ge“?

Genau die­se Über­nah­me von Rou­ti­ne­auf­ga­ben ist es, die nach Mei­nung der Wis­sen­schaft dazu führt, dass es zwar auch in abseh­ba­rer Zukunft Exper­ten geben wer­de – also auch Sach­ver­stän­di­ge – aller­dings viel weni­ger als heu­te. „Para-Sach­ver­stän­di­ge“, also Leu­te, die die­ses eine gerin­ge­re Aus­bil­dung und wenig Erfah­rung erfor­dern­de Rou­ti­ne­wis­sen besit­zen (oder sich aus dem Inter­net, aus Daten­ban­ken etc. beschaf­fen) könn­ten einen Groß­teil des Bedarfs an weni­ger hoch­wer­ti­gem Wis­sens abde­cken. Eige­ne Erfah­rung zeigt, dass damit bereits sehr vie­le Rat­su­chen­de das Aus­lan­gen fin­den würden.

(wird fort­ge­setzt)

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