Erfolgsfaktoren für Freiberufler – #19: Beruf und Berufung

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Beruf

„Zeit oder Herz – Das ist hier die Fra­ge …“ wäre frei nach Ham­let ein guter Ein­stieg in das für Frei­be­ruf­ler über­le­bens­wich­ti­ge The­ma Beruf und Beru­fung: Der Berufs­tä­ti­ge ver­kauft Lebens­zeit, um leben zu kön­nen, der Beru­fe­ne setzt sein Herz ein, um zu leben, wofür er geschaf­fen ist. Der Berufs­tä­ti­ge möch­te die Zeit bis Fei­er­abend rasch ver­ge­hen sehen, dem Beru­fe­nen ver­geht die Zeit zu rasch. Der Beru­fe­ne brennt für sei­ne Sache, der Berufs­tä­ti­ge läuft Gefahr, aus­zu­bren­nen. Der Beruf wird erlernt, die Beru­fung wird ent­deckt. Las­sen sich die zwei ver­ein­ba­ren? Eine Spurensuche.

Bega­bung

Jeder ist mit bestimm­ten Talen­ten gebo­ren. Im ers­ten Arti­kel die­ser Serie wur­de über Talen­te gespro­chen und die Wich­tig­keit, sie zu Stär­ken zu ent­wi­ckeln. An der Art der Talen­te lässt sich die Rich­tung unse­rer Beru­fung erken­nen. Nicht alle Talen­te kön­nen wir zu Stär­ken ent­wi­ckeln, ent­we­der weil uns die Gele­gen­heit dazu fehlt, oder aber, weil wir sie nicht ent­deckt haben. Den­noch formt das Bukett der zu Stär­ken gewor­de­nen Talen­te aus jedem von uns ein unver­wech­sel­ba­res Ori­gi­nal. Es ist ein Geschenk an uns sel­ber und an unse­re Mit­men­schen – je aus­ge­präg­ter es ist, des­to besser!

Beruf

Sol­len wir jetzt unse­ren Beruf in die Büsche wer­fen und uns allein auf unse­re doch so wun­der­ba­re Beru­fung stür­zen? Natür­lich nicht! Ers­tens wird das wohl wirt­schaft­lich nicht sinn­voll und auch meist aus den Lebens­um­stän­den her­aus nicht mach­bar sein. Und zwei­tens bleibt es wich­tig, vor Ände­run­gen nüch­tern und über­legt zu blei­ben und nichts zu überstürzen.

Denn unser Berufs­le­ben, dem wir übli­cher­wei­se die bes­te Tages­zeit wid­men, ist eine wich­ti­ge  „Spiel­wie­se“: Auf ihr haben wir in der Ver­gan­gen­heit jene Fähig­kei­ten erwor­ben, die uns für unse­re Arbeit- oder Auf­trag­ge­ber wert­voll machen. Auch haben wir uns in die­ser Umge­bung sozia­li­siert und sind in ihr emo­tio­nal ver­wur­zelt, vor­aus­ge­setzt natür­lich, dass wir unse­re Auf­ga­be dort zumin­dest im Gro­ßen und Gan­zen akzep­ta­bel finden.

Beru­fung

Wel­chen Platz hat dann die Beru­fung in unse­rem Leben? Dazu zwei The­sen. Die ers­te: Unse­re Beru­fung läuft nicht davon. Sie ist stets prä­sent, sie formt nicht nur unse­re Iden­ti­tät, sie ist unse­re Iden­ti­tät. Viel­leicht äußert sie sich in ver­schie­de­nen Lebens­pha­sen unter­schied­lich, aber sie ist kon­stant. Zwei­te The­se: Die Beru­fung drängt sich nicht auf, aber sie mischt immer mit. Wie eine Kom­pass­na­del sich stets nach Nor­den aus­rich­tet, schwingt sich all unser Bestre­ben immer in Rich­tung unse­rer Beru­fung ein.

Wie wirkt sich das aus? Dazu zwei Beob­ach­tun­gen: Ers­tens in den Din­gen, die wir ger­ne tun. Die machen wir auch dann, wenn es uns mate­ri­ell kei­nen Nut­zen bringt. Wer ger­ne Reden hält, wird jede Mög­lich­keit dazu nut­zen, wer lei­den­schaft­lich musi­ziert, eben­so. Nicht nur in der Frei­zeit, auch im Beruf wer­den Gele­gen­hei­ten genutzt, Beru­fung aus­zu­le­ben. Zwei­tens: Wir tun es nicht nur für uns allein, son­dern wir neh­men unse­re Mit­men­schen mit hin­ein in unser Erle­ben und las­sen sie dar­an teilhaben.

Von Koexis­tenz zur Verschmelzung

Kön­nen Beruf und Beru­fung ver­schmel­zen? Ja. Glück­lich, wer in sei­ner Beru­fung auf­geht, damit noch Men­schen dient und damit Wer­te schafft, die gut hono­riert wer­den. Das ist wohl nicht der Regel­fall. Die meis­ten erfolg­rei­chen Selb­stän­di­gen und Frei­be­ruf­ler haben es aber geschafft, ihren Beruf im Lau­fe einer all­mäh­li­chen Migra­ti­on im Feld ihrer Beru­fung anzu­sie­deln. Sie haben die bei­den Sphä­ren zu einem guten Teil in Über­de­ckung gebracht.

Wer sich nicht mit einer ent­fern­ten Koexis­tenz von Beruf und Beru­fung zufrie­den gibt, braucht Mut zum ganz per­sön­li­chen Fort­schritt. Nicht bloß dazu, Ver­än­de­rung über sich erge­hen zu las­sen, son­dern Mut zur Gestal­tung die­ser Ver­än­de­rung. Unser Umfeld wird das nicht immer gut­hei­ßen und an unse­rer Ver­nunft zweifeln.

Was soll‘s: Geor­ge Bern­hard Shaw soll ein­mal sinn­ge­mäß gemeint haben, dass sich ein ver­nünf­ti­ger Mensch sei­ner Umge­bung anpasst, ein unver­nünf­ti­ger aber alles ver­sucht, sei­ne Umge­bung sich anzu­pas­sen. Daher sei aller Fort­schritt den Unver­nünf­ti­gen zu verdanken.

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