Dietrich Bonhoeffer über die Dummheit

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Rufzeichen

Der evan­ge­li­sche Theo­lo­ge Diet­rich Bon­hoef­fer (1906 – 1945) war Mit­glied des deut­schen Wider­stands gegen den Natio­nal­so­zia­lis­mus und wur­de knapp vor Kriegs­en­de im KZ Flos­sen­bürg ermor­det. Der Autor zahl­rei­cher Wer­ke schrieb auch wäh­rend der lan­gen Zeit sei­ner Haft wei­ter. Sei­ne im Fol­gen­den wie­der­ge­ge­be­nen (und neu­er Recht­schrei­bung ange­pass­ten) Anmer­kun­gen über Dumm­heit bezie­hen sich auf Beob­ach­tun­gen in der tota­li­tä­ren Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus. Im Hin­blick auf vie­le besorg­nis­er­re­gen­de Ent­wick­lun­gen der Gegen­wart haben sie jedoch nichts an Aktua­li­tät verloren.

„Dumm­heit ist ein gefähr­li­che­rer Feind des Guten als Bosheit. 

Gegen das Böse lässt sich pro­tes­tie­ren, es lässt sich bloß­stel­len, es lässt sich not­falls mit Gewalt ver­hin­dern, das Böse trägt immer den Keim der Selbst­zer­set­zung in sich, indem es min­des­tens ein Unbe­ha­gen im Men­schen zurücklässt.

Gegen die Dumm­heit sind wir wehrlos. 

Weder mit Pro­tes­ten noch durch Gewalt lässt sich hier etwas aus­rich­ten; Grün­de ver­fan­gen nicht; Tat­sa­chen, die dem eige­nen Vor­ur­teil wider­spre­chen, brau­chen ein­fach nicht geglaubt zu wer­den – in sol­chen Fäl­len wird der Dum­me sogar kri­tisch – und wenn sie unaus­weich­lich sind, kön­nen sie ein­fach als nichts­sa­gen­de Ein­zel­fäl­le bei­sei­te­ge­scho­ben werden.

Dabei ist der Dum­me im Unter­schied zum Bösen …

…rest­los mit sich selbst zufrie­den; ja, er wird sogar gefähr­lich, indem er leicht gereizt zum Angriff über­geht. Daher ist dem Dum­men gegen­über mehr Vor­sicht gebo­ten als gegen­über dem Bösen. Nie­mals wer­den wir mehr ver­su­chen, den Dum­men durch Grün­de zu über­zeu­gen; es ist sinn­los und gefährlich.

Um zu wis­sen, wie wir der Dumm­heit bei­kom­men können, …

… müs­sen wir ihr Wesen zu ver­ste­hen suchen. So viel ist sicher, dass sie nicht wesent­lich ein intel­lek­tu­el­ler, son­dern ein mensch­li­cher Defekt ist. Es gibt intel­lek­tu­ell außer­or­dent­lich beweg­li­che Men­schen, die dumm sind, und intel­lek­tu­ell sehr Schwer­fäl­li­ge, die alles ande­re als dumm sind.

Die­se Ent­de­ckung machen wir zu unse­rer Überraschung …

… anläss­lich bestimm­ter Situa­tio­nen. Dabei gewinnt man weni­ger den Ein­druck, dass die Dumm­heit ein ange­bo­re­ner Defekt ist, als dass unter bestimm­ten Umstän­den die Men­schen dumm gemacht wer­den, bzw. sich dumm machen las­sen. Wir beob­ach­ten wei­ter­hin, dass abge­schlos­sen und ein­sam leben­de Men­schen die­sen Defekt sel­te­ner zei­gen als zur Gesel­lung nei­gen­de oder ver­ur­teil­te Men­schen und Menschengruppen.

So scheint die Dumm­heit viel­leicht weni­ger ein psychologisches …

… als ein sozio­lo­gi­sches Pro­blem zu sein. Sie ist eine beson­de­re Form der Ein­wir­kung geschicht­li­cher Umstän­de auf den Men­schen, eine psy­cho­lo­gi­sche Begleit­erschei­nung bestimm­ter äuße­rer Ver­hält­nis­se. Bei genaue­rem Zuse­hen zeigt sich, dass jede star­ke äuße­re Macht­ent­fal­tung, sei sie poli­ti­scher oder reli­giö­ser Art, einen gro­ßen Teil der Men­schen mit Dumm­heit schlägt.

Ja, es hat den Anschein, als sei das gera­de­zu ein sozio­lo­gisch-psy­cho­lo­gi­sches Gesetz. 

Die Macht der einen braucht die Dumm­heit der ande­ren. Der Vor­gang ist dabei nicht der, dass bestimm­te – also etwa intel­lek­tu­el­le – Anla­gen des Men­schen plötz­lich ver­küm­mern oder aus­fal­len, son­dern dass unter dem über­wäl­ti­gen­den Ein­druck der Macht­ent­fal­tung dem Men­schen sei­ne inne­re Selb­stän­dig­keit geraubt wird und dass die­ser nun – mehr oder weni­ger unbe­wusst – dar­auf ver­zich­tet, zu den sich erge­ben­den Lebens­la­gen ein eige­nes Ver­hal­ten zu finden.

Dass der Dum­me oft bockig ist, darf nicht dar­über hinwegtäuschen, …

… dass er nicht selb­stän­dig ist. Man spürt es gera­de­zu im Gespräch mit ihm, dass man es gar nicht mit ihm selbst, mit ihm per­sön­lich, son­dern mit über ihn mäch­tig gewor­de­nen Schlag­wor­ten, Paro­len etc. zu tun hat. Er ist in einem Bann, er ist ver­blen­det, er ist in sei­nem eige­nen Wesen miss­braucht, miss­han­delt. So zum wil­len­lo­sen Instru­ment gewor­den, wird der Dum­me auch zu allem Bösen fähig sein und zugleich unfä­hig, dies als Böses zu erken­nen. Hier liegt die Gefahr eines dia­bo­li­schen Miss­brauchs. Dadurch wer­den Men­schen für immer zugrun­de gerich­tet wer­den können.

Aber es ist gera­de hier auch ganz deutlich, …

… dass nicht ein Akt der Beleh­rung, son­dern allein ein Akt der Befrei­ung die Dumm­heit über­win­den könn­te. Dabei wird man sich damit abfin­den müs­sen, dass eine ech­te inne­re Befrei­ung in den aller­meis­ten Fäl­len erst mög­lich wird, nach­dem die äuße­re Befrei­ung vor­an­ge­gan­gen ist; bis dahin wer­den wir auf alle Ver­su­che, den Dum­men zu über­zeu­gen, ver­zich­ten müssen.

In die­ser Sach­la­ge wird es übri­gens auch begrün­det sein, …

… dass wir uns unter sol­chen Umstän­den ver­geb­lich dar­um bemü­hen, zu wis­sen, was »das Volk« eigent­lich denkt, und war­um die­se Fra­ge für den ver­ant­wort­lich Den­ken­den und Han­deln­den zugleich so über­flüs­sig ist – immer nur unter den gege­be­nen Umstän­den. [Das Wort der Bibel, dass die Furcht Got­tes der Anfang der Weis­heit sei (Psalm 111, 10), sagt, dass die inne­re Befrei­ung des Men­schen zum ver­ant­wort­li­chen Leben vor Gott die ein­zi­ge wirk­li­che Über­win­dung der Dumm­heit ist.]

Übri­gens haben die­se Gedan­ken über die Dumm­heit doch dies Tröst­li­che für sich, …

… dass sie ganz und gar nicht zulas­sen, die Mehr­zahl der Men­schen unter allen Umstän­den für dumm zu hal­ten. Es wird wirk­lich dar­auf ankom­men, ob Macht­ha­ber sich mehr von der Dumm­heit oder von der inne­ren Selb­stän­dig­keit und Klug­heit der Men­schen versprechen.“

Quel­le: Diet­rich Bon­hoef­fer. Wider­stand und Erge­bung. Brie­fe und Auf­zeich­nun­gen aus der Haft, hrsg. von E. Beth­ge. TB Sie­ben­stern. Güters­loh 1985. S. 14 f., ennom­men aus https://www.philoclopedia.de/2017/01/15/dietrich-bonhoeffer-über-die-dummheit/

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