Sommerlektüre

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Lupe

Die som­mer­li­che Zeit hat mir bis­lang aus­rei­chend Gele­gen­heit gebo­ten, eini­ge in mei­ner Sicht span­nen­de Bücher lesen zu kön­nen, die sich so über das Jahr ange­sam­melt haben. In den letz­ten Mona­ten habe ich hin und wie­der aus Büchern zitiert, die sich mit den The­men Ener­gie und Kli­ma befasst haben. Heu­te bie­te ich etwas schwe­re­re Kost: Lite­ra­tur über The­men, die für unse­re gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen von Bedeu­tung ist. Eige­ne Recher­chen im Inter­net haben mich immer wie­der auf die Spur von Autoren gebracht, die in ihren Büchern Hin­ter­grün­de aus­leuch­ten, zu denen ich in gän­gi­gen Medi­en nichts fin­den kann.

Die­se Autoren sind Per­sön­lich­kei­ten, die in ihren Fach­ge­bie­ten weit­hin bekannt und auch aner­kannt sind. Es sind in ers­ter Linie Wis­sen­schaft­ler oder mit wis­sen­schaft­li­chen Metho­den Ver­trau­te, die sich mit höchs­ter Sorg­falt an bri­san­te The­men her­an­ge­wagt haben. The­men, die uns alle ange­hen, auch wenn sich weni­ge dafür zu inter­es­sie­ren schei­nen. The­men, die, wenn man sie anspricht, auch ger­ne abge­blockt wer­den, weil vie­ler­orts die trü­ge­ri­sche Hoff­nung vor­herrscht, dass die Din­ge, die da hoch­kom­men, in Wirk­lich­keit doch wohl gar nicht so arg sein könnten.

Peni­bel beleg­te und begrün­de­te Aussagen

Dem steht nun die erfreu­li­che Tat­sa­che ent­ge­gen, dass die Erkennt­nis­se die­ser For­scher nicht nur für die Fach­welt zugäng­lich sind, son­dern auch in Form von jeder­mann zugäng­li­chen Büchern ver­öf­fent­licht wor­den sind – man­che sogar schon vor vie­len Jah­ren. Das ermög­licht eine brei­te Dis­kus­si­on und kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit ihren Aus­sa­gen. Die peni­ble Art der For­schung, die begrün­de­ten und beleg­ten Ein­sich­ten die­ser Men­schen ver­hin­dern auch, dass die Autoren von ableh­nen­den Zeit­ge­nos­sen ins Schwurb­ler- oder Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker-Eck abge­scho­ben wer­den können.

Der ers­te Autor: Tho­mas Sowell

Die ers­te Per­sön­lich­keit, auf deren Werk ich heu­te hin­wei­sen möch­te ist Tho­mas Sowell. Er ist ein US-ame­ri­ka­ni­scher Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler und Mit­glied der Hoo­ver-Insti­tu­ti­on, einer kon­ser­va­ti­ven Denk­fa­brik. Er hat in meh­re­ren Behör­den und Unter­neh­men gear­bei­tet, wur­de durch zahl­rei­che Arti­kel in Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten bekannt und hat eini­ge Bücher ver­fasst. Als Schwar­zer ist er in ein­fachs­ten Ver­hält­nis­sen auf­ge­wach­sen und hat sei­ne bemer­kens­wer­te Kar­rie­re erst im zwei­ten Bil­dungs­weg errei­chen kön­nen. Sei­ne Arbei­ten dre­hen sich haupt­säch­lich um gesell­schaft­li­che und sozia­le Probleme.

Das Buch: “The visi­on of the anoin­ted” (erschie­nen 1996)

Die­ses Buch, des­sen Titel auf Deutsch etwa “Die Visi­on der Aus­er­wähl­ten“* bedeu­tet, ist mei­nes Wis­sens nicht ins Deut­sche über­setzt wor­den. Es ist die kri­ti­sche Dar­stel­lung der Denk­wei­sen, die hin­ter poli­ti­schen und ins­be­son­de­re sozi­al- und gesell­schafts­po­li­ti­schen Fehl­ent­wick­lun­gen der letz­ten Jahr­zehn­te ste­hen, die in den USA bei­spiels­wei­se zu bil­dungs­po­li­ti­schen Kata­stro­phen, Kri­mi­na­li­tät und Zer­fall von Fami­li­en­struk­tu­ren geführt haben. Die Ver­ant­wor­tung dafür sieht er bei den bered­ten poli­ti­schen und intel­lek­tu­el­len Eli­ten, die über­zeugt sind, mehr zu wis­sen  und sich ver­pflich­tet sehen, alle ande­ren zu bevormunden.

Eli­ten und Massen

Die­se Pro­gres­si­ven bezeich­net er sati­risch als „Die Aus­er­wähl­ten“, die sich selbst als den Quell aller Weis­heit sehen im Unter­schied zu den Men­schen aus dem gewöhn­li­chen Volk, die sati­risch über­spitzt als „Umnach­te­te“ benannt wer­den. Die Eli­te will ihre poli­tisch kor­rek­ten Visio­nen mit allen in ihrer Macht ste­hen­den Mit­teln umset­zen und zielt dabei beson­ders auf gewach­se­ne und bewähr­te Struk­tu­ren in Schu­len, Fami­li­en, Jus­tiz, Wirt­schaft oder Unter­neh­men. Dass die eli­tä­ren Vor­ha­ben nach­weis­lich fast alle in Desas­tern geen­det haben, stört die Eli­ten nicht im Gerings­ten. Tat­sa­chen wer­den nach Bedarf ver­dreht, Evi­den­zen und Fak­ten wer­den grund­sätz­lich igno­riert. Die „Aus­er­wähl­ten“ sehen sich immer im Recht und als unantastbar.

Die Medi­en machen mit

Vor­aus­set­zung für deren „Erfolg“ ist, dass die ehe­mals kri­ti­schen Medi­en zum weit­aus über­wie­gen­den Teil das Spiel der Eli­ten mit­spie­len, wobei allen Vor­ha­ben der Eli­ten – und sei­en die­se Vor­ha­ben noch so absurd – grund­sätz­lich ein höhe­rer mora­li­scher Zweck zuge­spro­chen wird. Damit wird auch die Ursa­che jeg­li­cher Kri­tik an Vor­ha­ben der „Aus­er­wähl­ten“ in mora­li­scher Ver­dor­ben­heit der Geg­ner ver­or­tet, und die „Umnach­te­ten“ haben sowie­so nichts mit­zu­be­stim­men. Die Spiel­fel­der der Eli­ten sind weit gespannt: Umwelt­schutz, Sozia­le Sicher­heit, Diver­si­tät, Schutz jeg­li­cher ver­meint­lich Benach­tei­lig­ter, die ger­ne als Mas­kott­chen prä­sen­tiert wer­den, etc., etc.

Nach sechs­und­drei­ßig Jah­ren brandaktuell

Das Buch stammt wie erwähnt aus dem Jahr 1996 und ist in mei­nen Augen trotz­dem nach wie vor brand­ak­tu­ell, mitt­ler­wei­le auch bei uns. Das sieht man dar­an, dass man­che Mecha­nis­men heu­te bei uns genau­so abzu­lau­fen schei­nen, wie sie Sowell bereits vor sechs­und­zwan­zig Jah­ren für die USA beschrie­ben hat. Ich war ver­blüfft, als ich sie gele­sen habe. Nur ein Bei­spiel: Sowell bezeich­net bestimm­te Initia­ti­ven der Eli­ten als deren „Kreuz­zü­ge“. Allen jenen, die im zwan­zigs­ten Jahr­hun­dert gelau­fen sind, ist ein wie­der­keh­ren­des Mus­ter eigen, das vier Stu­fen auf­weist. Frei über­setzt lau­ten die­se wie folgt:

Stu­fe 1: Eine „Kri­se“ wird ausgerufen

Es wird behaup­tet, dass die Gesell­schaft unter einer gro­ßen Gefahr steht, die die Mas­sen noch nicht bemerkt hätten

Stu­fe 2: Eine „Lösung“ wird präsentiert

Es muss drin­gend gehan­delt wer­den, um eine dro­hen­de Kata­stro­phe abzuwehren

Stu­fe 3: Die „Umset­zung“ wird durchgezogen

Die Regie­rung sieht die Not­wen­dig­keit, dras­ti­sche Maß­nah­men zu ergrei­fen, um das gefähr­li­che Beneh­men der Vie­len ein­zu­schrän­ken, gemäß den vor­aus­schau­en­den Schluss­fol­ge­run­gen der Wenigen

Stu­fe 4: Die „Abwehr“ der Kri­ti­ker fin­det statt

Gegen­ar­gu­men­te und Ein­wän­de wer­den her­ab­las­send zurück­ge­wie­sen als unwis­send, unver­ant­wort­lich oder von ver­werf­li­chen Absich­ten stammend

Noch­mals: Die­se Dar­stel­lung stammt aus dem Jahr 1996. Die hier geschil­der­ten Abläu­fe sind – für auf­merk­sa­me und kri­tisch den­ken­de Men­schen – in der Gegen­wart hier­zu­lan­de erstaun­li­cher­wei­se exakt genau­so anzu­tref­fen: Man den­ke an „Kli­ma­kri­se“, Covid-„Krise“, „Ener­gie­kri­se“, …

*) „The anoin­ted“ heißt genau genom­men „Die Gesalb­ten“. Weil mitt­ler­wei­le die­ser Begriff außer­halb von Glau­bens­ge­mein­schaf­ten wenig bekannt ist, habe ich statt­des­sen den Begriff „Die Aus­er­wähl­ten“ verwendet.

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