Prägnanz ist gefragt

Rufzeichen

Viel­leicht hängt es mit mei­nem fort­ge­schrit­te­nen Alter zusam­men, aber mir fehlt mitt­ler­wei­le die Geduld, unnö­tig lan­ge Tex­te zu lesen, die im geschäft­li­chen Schrift­ver­kehr fall­wei­se daher­kom­men. Bei­spiel gefäl­lig? In einem Gerichts­fall koope­rie­re ich mit einem Kol­le­gen, der soeben sei­nen Teil bear­bei­tet. Er schickt mir sei­ne Ein­la­dung zu einer ört­li­chen Befund­auf­nah­me. Der Text ist klein gedruckt und umfasst drei Sei­ten. Ich über­flie­ge das offen­bar in guter Absicht ver­fass­te Ela­bo­rat, ver­su­che, das Wesent­li­che zu erfas­sen und stel­le fest, dass sich der rele­van­te Inhalt locker auf einer Sei­te hät­te unter­brin­gen lassen.

Was ich hier schil­de­re, ist kei­ne Erfin­dung, son­dern eine rea­le Erfah­rung. Die hat­te bereits auf­grund frü­he­rer der­ar­ti­ger Erleb­nis­se zur Fol­ge, dass ich jedem Schrift­stück, das vom wer­ten und ansons­ten über­aus net­ten Kol­le­gen stammt, mit gebo­te­ner Zurück­hal­tung begeg­ne. Und ich fra­ge mich, was Ursa­che eines der­ar­ti­gen Über­ma­ßes an teils beleh­ren­der, teils red­un­dan­ter, aber in mei­nen Augen weit­hin unwich­ti­ger Infor­ma­ti­on sein kann: Ist es Wich­tig­tue­rei? Ist es über­trie­be­nes Gel­tungs- oder Mit­tei­lungs­be­dürf­nis? – Die Ursa­che lässt sich für einen Außen­ste­hen­den wohl nicht so leicht nicht erkennen.

Sinn­lo­se Opulenz

Eine mag dar­in lie­gen, dass Sach­ver­stän­di­ge berufs­be­dingt nicht sel­ten ver­ba­ler Weit­schwei­fig­keit rechts­an­walt­li­cher Aus­füh­run­gen oder rich­ter­li­cher Begrün­dun­gen aus­ge­setzt sind. Deren Ein­fluss kön­nen sich mit­un­ter auch ein­zel­ne Kol­le­gen nicht ent­zie­hen. Die Aus­wir­kun­gen sind an opu­len­ten Satz­kon­struk­tio­nen zu erken­nen, in deren Ver­schach­te­lun­gen sich die Wort­künst­ler nicht sel­ten selbst ver­hed­dern. Oder aber sie ent­la­den ihre Krea­ti­vi­tät in die Schöp­fung kunst­voll gedrech­sel­ter Wort­schöp­fun­gen wie „Scha­den­ur­sa­chen­ve­ri­fi­zie­rung“ oder „Gebre­chens­be­he­bungs­be­wer­tung“.

Die Gefahr des „brain dump“

Dass sich sol­che Gepflo­gen­hei­ten dann auch in die ver­ba­le Kom­mu­ni­ka­ti­on ein­schlei­chen kön­nen, ist nur logi­sche Fol­ge. Aber nicht nur der Ein­fluss der Juris­ten­spra­che kann hier unan­ge­nehm wer­den. Auch beruf­lich mit dem Ver­mit­teln von Wis­sen befass­te oder in Aus­bil­dung von Men­schen täti­ge Sach­ver­stän­di­ge nei­gen dazu, ihre Kennt­nis­se in oft über­bor­den­der Wei­se fast reflex­ar­tig und meist unge­be­ten abzu­la­den. In mei­ner Beob­ach­tung trifft das viel­fach zu auf Leh­ren­de aller Art, Pro­fes­so­ren, Trai­ner, Vor­tra­gen­de etc. Des Öfte­ren habe ich in per­sön­li­chen Gesprä­chen schon bedau­ert, über­haupt eine Fra­ge gestellt zu haben.

Weni­ger ist meist mehr

Hier soll aber nicht auf ande­re gezeigt wer­den, weil uns ihr Ver­hal­ten nicht gefällt. Ich habe selbst genug Macken und muss mich immer wie­der an der Nase zu neh­men, ob es – etwa in aus­ufern­den und lan­gen Dis­kus­sio­nen – nicht die bes­se­re Opti­on ist, den Mund zu hal­ten. Ich muss mich zual­ler­erst selbst­kri­tisch fra­gen, war­um ich mich über­haupt äußern will: Ist es dem oder den ande­ren dien­lich? Hilft es in der Sache wei­ter? Ist jetzt der rich­ti­ge Zeit­punkt oder Ort, um etwas zu sagen? Ist es wich­tig genug? – Die Ant­wort lau­tet in den meis­ten Fäl­len: Sach­te, sach­te, denk zuerst noch mal drü­ber nach …

Nagel­pro­be für Prägnanz

Aber zurück zur schrift­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on: Eine Nagel­pro­be für effi­zi­en­te Kom­mu­ni­ka­ti­on ist für mich immer wie­der das Schrei­ben der Zusam­men­fas­sung eines Gut­ach­tens­er­geb­nis­ses. Die scheint immer gleich nach der Titel­sei­te auf und ist auf eine Sei­te begrenzt. Alles Unwe­sent­li­che fliegt raus und die erzwun­ge­ne Kür­ze auf den Kern der Sache hat zumeist Prä­zi­sie­run­gen der brei­ter ange­leg­ten For­mu­lie­run­gen wei­ter hin­ten im Gut­ach­ten zur Fol­ge. Der lesen­de Rich­ter, Anwalt oder sons­ti­ge Inter­es­sier­te bekommt ohne Umschwei­fe die Essenz, das „Kon­den­sat“ der Arbeit ser­viert. Das ist dann mein Ver­ständ­nis von Prägnanz …

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