Gemma!*)

PfeilUm vier Uhr mor­gens im Halb­dun­kel viel zu früh mun­ter gewor­den mit dem Wunsch, rasch das Bett ver­las­sen zu kön­nen, weil es eine Men­ge zu tun gibt, der Tag span­nend zu wer­den ver­spricht und kei­ne Minu­te unnütz ver­lo­ren gehen darf – dann etwas wider­wil­lig doch in Ruhe­la­ge geblie­ben … Aber um halb sechs heißt’s end­lich nichts wie raus, die Mor­gen­rou­ti­ne wird zack­zack erle­digt und ab geht die Post! Ken­nen Sie das? In ähn­lich auf­re­gen­der Art ganz bestimmt! Den­ken Sie nur zurück an Ihre Kin­der­jah­re, wenn am Weih­nachts­tag die Vor­freu­de groß war, aber die Zeit bis zur abend­li­chen Besche­rung nicht und nicht ver­ge­hen wollte …

Aber auch im spä­te­ren Leben hat wahr­schein­lich jeder sol­che Pha­sen, in denen er etwas erlebt, was hier geschil­dert wird: Unge­ahn­te Ener­gien kön­nen plötz­lich mobi­li­siert und kör­per­li­che oder geis­ti­ge Leis­tun­gen erbracht wer­den, Müdig­keit, Auf-die-lan­ge-Bank-Schie­ben oder gar Unlust und Träg­heit sind unbe­kannt. Die Rich­tung heißt vor­wärts, auch gro­ße Hin­der­nis­se sind da, um bewäl­tigt zu wer­den. Ein knur­ren­der Magen wird zwar zur Kennt­nis genom­men, aber in gepfleg­tes Mit­tags­mahl ist ein­fach nicht drin und wird gegen rasche Nah­rungs­auf­nah­me getauscht. Die Sache, an der man dran ist, ist zu wichtig.

Was steckt dahinter?

Es gibt Men­schen, die von einer Erfah­rung, einem Ereig­nis oder einem Ding so begeis­tert sind, dass es das bis­he­ri­ge Leben kom­plett über den Hau­fen wirft. Das ist für einen ratio­nal den­ken­den Außen­ste­hen­den nicht mehr nach­voll­zieh­bar, in den meis­ten Fäl­len auch für den Begeis­ter­ten selbst nicht. Eine Auf­ga­be stellt sich, die nicht mehr weg­zu­krie­gen ist und die vol­le Auf­merk­sam­keit und Kon­zen­tra­ti­on geschenkt bekommt. Eines schei­nen sie gemein­sam zu haben: Es muss einen Aus­lö­ser gege­ben haben, oder wie man heu­te sagt, einen „Kipp­punkt“, der zu Beginn noch gar nicht so recht greif­bar war.

Brü­cken bauen

Gera­de in mei­ner nähe­ren Hei­mat, der Ost­stei­er­mark, gibt es dafür mar­kan­te Bei­spie­le. Rena­te Theißl war noch Schü­le­rin, als sie im Werk­un­ter­richt ein klei­nes Brü­cken­mo­dell aus Holz bas­teln konn­te. Den Begeis­te­rungs­schub, den sie damals bekam, hat sie nie mehr los­ge­las­sen. Als gelern­te Köchin setz­te sie ihr beschei­de­nes Ein­kom­men voll und ganz ein, um Brü­cken­mo­del­le zu sam­meln, spä­ter sogar ech­te und aus ihrer Sicht erhal­tens­wer­te Brü­cken vor der Ver­schrot­tung zu ret­ten. Die Öffent­lich­keit hat sie spä­ter in ihrer Lei­den­schaft unter­stützt und heu­te ver­dan­ken wir ihr das tol­le Brü­cken­mu­se­um in Auersbach.

Eine Maschi­ne, die nichts produziert

Unweit davon fin­det sich eine ande­re Attrak­ti­on: Die Welt­ma­schi­ne. Selbst kann ich mich noch an einen Fern­seh­be­richt (noch in der schwarz-wei­ßen Zeit) erin­nern, in der der Klein­bau­er Franz Gsell­mann sei­ne Geschich­te erzählt. Er, der sel­ten aus sei­nem Dorf her­aus­kam, fuhr im Jah­re 1958 nach Brüs­sel zur Welt­aus­stel­lung. Dort war er rest­los fas­zi­niert vom Ato­mi­um, dem Wahr­zei­chen der Aus­stel­lung. Zu Hau­se bau­te er es als Modell nach. Die­ses Modell ergänz­te er im Lau­fe der Jah­re unbe­irr­bar um immer neue Tei­le, die sich beweg­ten. Letzt­lich beleg­te die Welt­ma­schi­ne einen gan­zen Raum in sei­nem Haus. Heu­te ist sie eine Attraktion.

Sinn­fra­ge

Auch wenn im Fall der Welt­ma­schi­ne ein Außen­ste­hen­der die Fra­ge nach dem War­um? nicht beant­wor­ten kann, mach­te sie für Franz Gsell­man so tie­fen Sinn, dass sie zu sei­nem zen­tra­len Lebens­in­halt wur­de, dem er all sei­ne freie Zeit und sei­ne beschei­de­nen Mit­tel zuwand­te. Sinn ist hier wohl das Schlüs­sel­wort. Men­schen die Zie­le, Bil­der, Vor­stel­lun­gen vor sich haben und dazu die uner­schüt­ter­li­che Hoff­nung, es zu errei­chen, dazu noch die Tat­kraft und die – zunächst viel­leicht beschei­de­nen – Mit­tel, wer­den gewis­ser­ma­ßen beflü­gelt und sind nicht aufzuhalten.

Flow

Wenn schon nicht das gesam­te Leben von einer zen­tra­len Idee befeu­ert wird, so kann jeder wenigs­tens zeit­wei­se Pha­sen erle­ben, in denen er sei­ne Krea­ti­vi­tät und sei­ne Begeis­te­rung aus­le­ben kann. Der unga­ri­sche Psy­cho­lo­ge Mihá­ly Csíks­zent­mi­há­lyi hat sich inten­siv mit die­sem The­ma befasst und das Erle­ben einer sol­chen schöp­fe­ri­schen Begeis­te­rung als „Flow“ beschrie­ben. Gekenn­zeich­net ist die­ser dadurch, dass wir in unse­ren krea­ti­ven Fähig­kei­ten zwar bis zum Äußers­ten gefor­dert, aber nicht über­for­dert sind. Das schafft den Raum, den wir benö­ti­gen, um uns zu entfalten.

Fazit

Was ist der Nut­zen, den Sie aus dem Gesag­ten zie­hen kön­nen? Nun, falls es Ihnen zumeist gelingt, früh­mor­gens mit Begeis­te­rung auf­zu­ste­hen, ist das super und Sie dür­fen sich selbst ein auf­mun­tern­des „gem­ma!“ zuru­fen. Wenn das nicht der Fall ist, soll­ten Sie sich ganz nüch­tern nach dem War­um? fra­gen und alles dazu­tun, dass die­se Begeis­te­rung kommt oder wie­der­kommt. Es gilt, den Sinn Ihres Lebens zu erken­nen oder neu zu fin­den. – Einem alten Gelän­de­wa­gen hat­ten die jun­gen und offen­sicht­lich unter­neh­mungs­lus­ti­gen Besit­zer fol­gen­den Appell auf­ge­malt: „One life – live it!“ Ein Leben – machen wir’s Bes­te draus!

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*) Öster­rei­chisch für „Los, gehen wir!“,  „Los, machen wir es!“ oder schlicht „Vor­wärts!“

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