Fehler

Das Gut­ach­ten ist fer­tig­ge­stellt, aber noch nicht unter­zeich­net, nicht abge­schickt oder nicht auf den Ser­ver des Gerichts hoch­ge­la­den. Abends vor dem Ein­schla­fen habe ich plötz­lich den Ein­druck, dass in der Tex­tie­rung etwas geän­dert wer­den muss. Ich habe sogar die Stel­le vor Augen, die eine Über­ar­bei­tung ver­langt. Auch die rich­ti­ge For­mu­lie­rung wird mir bewusst, ganz ohne Denk­an­stren­gung. Das ver­läuft so pla­ka­tiv, so ein­präg­sam, dass ich mir kei­ne Noti­zen zu machen brau­che, weil ich genau weiß, dass die Ein­drü­cke am nächs­ten Mor­gen ver­läss­lich da sein wer­den, viel­leicht sogar in noch­mals ver­bes­ser­ter Form.

Die­se häu­fi­gen Erleb­nis­se haben schon vor Jah­ren dazu geführt, dass ich fer­ti­ge Gut­ach­ten oder Berich­te grund­sätz­lich nicht sofort wei­ter­lei­te. Ich weiß, dass meis­tens noch der letz­te Schliff an der Arbeit fehlt. Der eige­ne Anspruch lau­tet, kei­ne Sache aus der Hand zu geben, die nicht die Mög­lich­keit einer intui­ti­ven Kor­rek­tur bekom­men hat. Das bes­te Mit­tel dazu ist, die Arbeit zumin­dest eine Nacht lie­gen­zu­las­sen, in beson­ders heik­len oder schwie­ri­gen Fäl­len sogar ein oder zwei Tage. Erst wenn die Kor­rek­tur ein­ge­fügt ist und sich kei­ne intui­ti­ven Regun­gen mehr bemerk­bar machen und der inne­re Frie­de erhal­ten bleibt, ist die Arbeit wirk­lich abgeschlossen.

Ein­sich­ten ohne Nachdenken

Es geht also um das The­ma Intui­ti­on. Das sagt Wiki­pe­dia dazu: Intui­ti­on ist die Fähig­keit, Ein­sich­ten in Sach­ver­hal­te, Sicht­wei­sen, Gesetz­mä­ßig­kei­ten oder die sub­jek­ti­ve Stim­mig­keit von Ent­schei­dun­gen zu erlan­gen, ohne dis­kur­si­ven Gebrauch des Ver­stan­des, also etwa ohne bewuss­te Schluss­fol­ge­run­gen. – Wohl alle Men­schen haben von Zeit zu Zeit Erleb­nis­se, die die­ser Kate­go­rie zuzu­ord­nen sind. Man­che Men­schen reden vom Bauch­ge­fühl, ande­re vom sechs­ten Sinn, von Ahnung, einem bestimm­ten Emp­fin­den. Als Christ ist mir eine unsicht­ba­re, aber spür­ba­re Rea­li­tät bewusst: Die Ein­ge­bung des Hei­li­gen Geis­tes, mit dem ich kom­mu­ni­zie­ren kann und der mir sei­ne Sicht offenbart.

Das unbe­stimm­te Gefühl, dass etwas nicht stimmt

Ein wei­te­res Feld, in dem der Ver­stand außer Dienst gestellt ist und Intui­ti­on eine Rol­le spie­len kann, ergibt sich in der Sach­ver­stän­di­gen­ar­beit oft schlicht dadurch, dass in der Betrach­tung von geschil­der­ten Sach­ver­hal­ten das unbe­stimm­te Gefühl auf­tritt, dass etwas nicht stimmt. Das muss nicht bedeu­ten, dass Wich­ti­ges fehlt, dass Din­ge zurück­ge­hal­ten wer­den, dass die Gege­ben­hei­ten auf Gegen­sätz­li­ches hin­wei­sen wür­den oder die eig­ne Wahr­neh­mung sich dage­gen sträubt. Nein, rein äußer­lich spricht nichts gegen die geschil­der­ten Umstän­de. Aber die inne­re War­nung lässt sich nicht ver­scheu­chen, führt zu höhe­rer Acht­sam­keit und hat letzt­lich sehr oft recht.

Wis­sens­er­werb und Intuition

Auf einen ande­ren Zusam­men­hang, in dem Intui­ti­on für Exper­ten grund­sätz­lich eine Rol­le spielt, haben die Brü­der Drey­fus* schon vor vie­len Jah­ren hin­ge­wie­sen. Sie spre­chen sogar von der Macht der mensch­li­chen Intui­ti­on, die unser Leben mehr mit­be­stimmt, als wir erfas­sen kön­nen. Sie zei­gen auf, dass unser stil­les oder impli­zi­tes Wis­sen mit Intui­ti­on zusam­men­spielt. Impli­zi­tes Wis­sen ist eines, das – wie­der­um nach Wiki­pe­dia – so wirkt, dass wir etwas kön­nen, dass wir aber nicht in der Lage sind, ande­ren mit Wor­ten zu erklä­ren, wie es geht und wor­um es sich dabei handelt.

Impli­zi­tes Wis­sen ist allgegenwärtig

Das wohl bekann­tes­te Bei­spiel für impli­zi­tes Wis­sen ist das Rad­fah­ren: Wir kön­nen ver­su­chen, es einem Fahr­schü­ler bis ins letz­te Detail zu erklä­ren, kön­nen es aber letzt­lich nicht an ande­re ver­mit­teln, die es ler­nen wol­len. Wir wer­den zwar mit gutem Rat bei­sei­te ste­hen, aber das impli­zi­te Wis­sen, also das prak­ti­sche Wis­sen und Kön­nen dazu, bestehend aus tech­ni­schen Fähig­kei­ten und einem hohen Maß an Kör­per­kon­trol­le, muss sich jeder sel­ber erwer­ben. Für das Auto­fah­ren gilt das in ande­rem Maße wohl auch, wie über­haupt für vie­le Tätig­kei­ten des mensch­li­chen Lebens. Ein­mal gelernt läuft es dann intuitiv.

Die höchs­te Stu­fe des Expertenkönnens

Die Brü­der Drey­fus zei­gen nun in ihrem Buch, dass Exper­ten aller Art – also auch Sach­ver­stän­di­ge – in meh­re­ren Stu­fen „her­an­wach­sen“, wor­auf ich in einem frü­he­ren Arti­kel bereits ein­ge­gan­gen bin (sie­he hier). In der letz­ten und höchs­ten Stu­fe sei­ner Pro­fes­sio­na­li­tät agiert der Sach­ver­stän­di­ge weit­ge­hend intui­tiv: Er begibt sich gewis­ser­ma­ßen in die Auf­ga­be hin­ein, blickt sich um und weiß meist recht rasch, was Sache ist und was zu tun ist. Er kann sich auf sein Wis­sen und Kön­nen ver­las­sen. Er stellt sein Gut­ach­ten fer­tig. Viel­leicht über­schläft er es aber noch eine Nacht …

*) Dreyfus/Dreyfus: “Mind over Machi­ne – The Power of Human Intui­ti­on and Exper­ti­se in the Era of the Com­pu­ter”, New York 1988

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