Ende Gericht

Adler

Für jeden all­ge­mein beei­de­ten und gericht­lich zer­ti­fi­zier­ten Sach­ver­stän­di­gen kommt ein­mal der Zeit­punkt, sich von der Tätig­keit bei Gericht zu ver­ab­schie­den. Das ist übli­cher­wei­se mit dem Errei­chen oder Voll­enden des sieb­zigs­ten Lebens­jah­res der Fall. Als Pri­vat­gut­ach­ter oder Bera­ter kann danach natür­lich jeder so lan­ge arbei­ten, wie er will, aber vor den Schran­ken der Jus­tiz ist Schluss. Die­se Tat­sa­che wird vom Gericht zwar nicht offi­zi­ell mit­ge­teilt, ist aber geleb­te Pra­xis und die ist auch gut so, kann man doch davon aus­ge­hen, dass zu die­sem Zeit­punkt nur mehr weni­ge beruf­lich aktiv sind. Zeit zum Rück­blick und Anlass, Bilanz zu ziehen.

Erwar­tun­gen

Zu Beginn der Sach­ver­stän­di­gen­tä­tig­keit stand das Bemü­hen im Mit­tel­punkt, alle gestell­ten Auf­ga­ben fach­lich-sach­lich rich­tig und unta­de­lig zu bewäl­ti­gen. Damit ver­bun­den waren die Erwar­tun­gen, dass eben­die­se sach­li­che Klä­rung das Wich­tigs­te am Gerichts­ver­fah­ren sein wür­de und es damit dann sei­ne Bewandt­nis hät­te. Schnell aber wur­de klar, dass wie halt bei allen mit Men­schen ver­bun­de­nen Inter­ak­tio­nen nicht nur das Was ent­schei­dend war, son­dern auch das Wie, also die Art und Wei­se der Dar­stel­lung des­sen, was zu sagen ist und dass dazu auch die Gestal­tung des per­sön­li­chen Auf­trit­tes gehört.

Erfah­run­gen

Ein Rück­blick auf Erleb­nis­se der ver­gan­ge­nen zwei Jahr­zehn­te lässt aus einer Fül­le von Bil­dern jene her­vor­ste­chen, die mit beson­de­ren Erfah­run­gen ver­bun­den sind. Dar­un­ter sol­che auf beruf­li­cher und fach­li­cher Ebe­ne, etwa wenn selbst­stän­dig gewon­ne­ne Erkennt­nis­se den eige­nen Wis­sens­schatz deut­lich erwei­tern und berei­chern. Oder wenn sich für anfäng­lich als unlös­bar ange­se­he­ne Auf­ga­ben­stel­lun­gen doch plötz­li­che Lösungs­we­ge abzu­zeich­nen begin­nen. Oder wenn sich aus part­ner­schaft­li­chem Zusam­men­wir­ken mit anfäng­lich unbe­kann­ten Kol­le­gen blei­bend gute Freund­schaf­ten entwickeln.

Anstren­gun­gen

Ein gro­ßer Vor­teil der Arbeit für Gericht besteht dar­in, dass im Regel­fall aus­rei­chend Zeit zum Bear­bei­ten von Auf­trä­gen besteht. Die schein­bar gro­ßen Span­nen zwi­schen Ter­mi­nen dür­fen aber nicht zuerst zum Nichts­tun ver­füh­ren im Irr­glau­ben, dass sich Gut­ach­ter­tä­tig­kei­ten not­falls auf einen­Zeit­raum von weni­gen Stun­den vor der Gut­ach­tens­ab­ga­be beschrän­ken las­sen. Es gilt das Gegen­teil: Denk­ar­beit braucht aus­rei­chend Zeit, die gut geplant und genutzt sein will. Das erfor­dert viel Dis­zi­plin, oft­ma­li­ges Auf­schie­ben ist kei­ne Opti­on. Dazu ist stän­di­ge Lern­be­reit­schaft not­wen­dig, ein Groß­teil der Arbeit eines Sach­ver­stän­di­gen besteht schließ­lich aus bezahl­tem Lernen.

Begeg­nun­gen

Der the­ma­ti­schen Viel­falt an Fra­gen in den Gut­ach­tens­auf­trä­gen steht eine eben­sol­che an damit ver­bun­de­nen Per­so­nen gegen­über. Die Palet­te reicht vom ein­fa­chen Men­schen vom Land, der rei­che prak­ti­sche Fähig­kei­ten besitzt, sich aber nur sehr schwer und mit rich­ter­li­cher Hil­fe arti­ku­lie­ren kann bis zum hoch­gra­dig intel­lek­tu­ell auf­tre­ten­den Exper­ten, der rei­ches theo­re­ti­sches Wis­sen zu besit­zen scheint, sich aber auch nur mit rich­ter­li­cher Hil­fe ver­ständ­lich zu arti­ku­lie­ren imstan­de ist. Offen­sicht­lich und irgend­wie ver­ständ­lich blei­ben genau jene Men­schen am ehes­ten in Erin­ne­rung, die in signi­fi­kan­ter Art aus dem Rah­men fallen.

Bezie­hun­gen

Dass unter Kol­le­gen durch gemein­sa­mes Arbei­ten Freund­schaf­ten ent­ste­hen kön­nen, wur­de schon erwähnt. Zwar kei­ne Freund­schaf­ten, aber gute und von wech­sel­sei­ti­ger Sym­pa­thie getra­ge­ne Bezie­hun­gen kön­nen auch zu Rich­tern ent­ste­hen, ja sogar zu Rechts­an­wäl­ten, selbst dann, wenn man hin und wie­der in Ver­hand­lun­gen hart mit­ein­an­der „ran­gelt“. Ers­tens ist es dies­be­züg­lich immer gut, zwi­schen einer Rol­le zu unter­schei­den, die jemand beklei­det, und dem Men­schen dahin­ter. Zwei­tens ist die Gol­de­ne Regel eine gute Leit­li­nie für erfolg­rei­che Bezie­hun­gen: Behand­le den ande­ren so, wie Du selbst behan­delt wer­den möchtest.

Ver­än­de­run­gen

Die auf­fäl­ligs­te Ver­än­de­rung, die ein Sach­ver­stän­di­ger im Lau­fe sei­ner Kar­rie­re erlebt ist die, dass er sich ent­lang der Stu­fen ent­wi­ckelt, wie sie in der Fach­li­te­ra­tur von Drey­fus und North beschrie­ben wer­den. Das hat zur Fol­ge, dass sich die gesam­te Her­an­ge­hens­wei­se an Pro­ble­me ver­än­dert: Der Anfän­ger-Sach­ver­stän­di­ge sieht die Sache von außen und ver­sucht sie metho­disch und mit dem Ein­satz bestimm­ter Werk­zeu­ge zu lösen. Der erfah­re­ne Sach­ver­stän­di­ge hin­ge­gen begibt sich in die Pro­blem­stel­lung gewis­ser­ma­ßen hin­ein und geht über­wie­gend intui­tiv, viel­leicht sogar spie­le­risch an die Lösung heran.

Haben Sie Erfah­run­gen zum The­ma? Schrei­ben Sie mir bit­te unter gmbh@sonnek.at!

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