Aus der SV-Praxis: Priorität von Beurteilungsgrundlagen

Befund

Wenn der Sach­ver­stän­di­ge im Zuge eines Auf­trags sei­nen Befund erstellt hat – was im Wesent­li­chen bedeu­tet, dass alle vor­lie­gen­den und ver­füg­ba­ren Fak­ten erho­ben, geord­net und doku­men­tiert sind – ist vor der Erstel­lung des Gut­ach­tens noch eine wich­ti­ge Fra­ge zu beant­wor­ten: Wel­che Grund­la­gen kön­nen zur Beur­tei­lung her­an­ge­zo­gen wer­den? Natür­lich könn­te sich der Sach­ver­stän­di­ge vor allem auf sei­ne (sub­jek­ti­ve) Erfah­rung beru­fen. Im Regel­fall wer­den aber – nicht nur bei Gericht – nur gut doku­men­tier­te und all­ge­mein zugäng­li­che (also objek­ti­ve) Anhal­te aus­rei­chend Gewicht haben.

Ein tech­ni­scher Sach­ver­stän­di­ger wird bei Letz­te­ren zual­ler­erst an Nor­men und Richt­li­ni­en den­ken, viel­leicht auch noch an aus­ge­wähl­te Fach­li­te­ra­tur. Auch wird er in Betracht zie­hen, ob und wie weit gel­ten­de gesetz­li­chen Vor­schrif­ten und sons­ti­ge behörd­li­chen Regu­la­ti­ve eine Rol­le spie­len kön­nen. Der Sach­ver­stän­di­ge will in sei­ner Arbeit ord­nungs­ge­mäß gut abge­si­chert sein, daher erhebt sich für ihn die Fra­ge, in wel­cher Rei­hen­fol­ge und in wel­cher Vor­ran­gig­keit all die­se Anga­ben zu berück­sich­ti­gen sind.

Dazu sind nach­fol­gend sol­che Vor­ga­ben auf­ge­lis­tet, und zwar in der Rei­hen­fol­ge nach abstei­gen­der Wich­tig­keit geord­net. Die Detail­liert­heit die­ser Vor­schrif­ten nimmt dem­ge­gen­über umge­kehrt von oben nach unten zu. Die Zusam­men­stel­lung wur­de einer Infor­ma­ti­on der deut­schen AFGW ent­nom­men, einer Inter­es­sens­ge­mein­schaft der Fern­wär­me­ver­sor­ger, ist von all­ge­mei­nem Inter­es­se und gestal­tet sich so:

Geset­ze

Neben den Bun­des­ge­set­zen sind auch Geset­ze der Län­der zu beach­ten. Geset­ze sind im Regel­fall eher all­ge­mein gehal­ten und bil­den die Grund­la­gen für Verordnungen.

Ver­ord­nun­gen

Sie ent­hal­ten Vor­ga­ben und nähe­re Bestim­mun­gen zur Durch­füh­rung und Umset­zung der Geset­zes­in­hal­te und sind daher schon sehr oft von direk­ter Bedeutung.

Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten, tech­ni­sche Baubestimmungen

Län­der, Gemein­den und sons­ti­ge öffent­li­che Kör­per­schaf­ten ver­fü­gen meist über detail­lier­te Bestim­mun­gen zu den sie betref­fen­den Angelegenheiten.

Tech­ni­sche Regeln

Hier ist das gro­ße Feld der all­ge­mein aner­kann­ten Regeln der Tech­nik, ins­be­son­de­re der Nor­men, z. B. der inter­na­tio­na­len ISO‑, der euro­pa­wei­ten E‑, der natio­na­len Ö‑Normen. Dazu gehö­ren aber auch vie­ler­lei Richt­li­ni­en von Inter­es­sens­ver­bän­den wie ÖVGW, TRVB oder auch VDI, um nur eini­ge zu nennen.

Verlege‑, Mon­ta­ge- und Betriebsanleitungen

In die­ser unters­ten Stu­fe fin­den sich alle Arten von Fest­le­gun­gen, die durch den Her­stel­ler von Pro­duk­ten, Maschi­nen etc. her­aus­ge­ge­ben wer­den und die sehr spe­zi­fisch und eng begrenzt ver­fasst sind.

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Mit die­ser Auf­lis­tung hat der Sach­ver­stän­di­ge ein ein­fa­ches und über­sicht­li­ches Instru­ment, das sich leicht anwen­den lässt. Dazu ein kur­zes Bei­spiel aus der tat­säch­li­chen Pra­xis, das auch sehr gut das Zusam­men­wir­ken der ein­zel­nen Ele­men­te verdeutlicht:

Ein Bei­spiel

Im Rah­men eines Begut­ach­tungs­auf­tra­ges ist die Fra­ge zu klä­ren, ob die Lüf­tungs­an­la­ge eines Büro­ge­bäu­des aus­rei­chend bemes­sen ist, weil lau­fend Beschwer­den über man­geln­de Luft­qua­li­tät erho­ben wer­den. Nach der Mes­sung der tat­säch­li­chen Zu- und Abluft­men­gen ist die Beur­tei­lung vorzunehmen:

Das Büro­ge­bäu­de beher­bergt Arbeits­plät­ze, für die der Arbeit­neh­mer­schutz zu beach­ten ist (Arbeit­neh­mer­schutzgesetz).

Für die Gestal­tung der Arbeits­plät­ze ist die Arbeits­stät­tenver­ord­nung rele­vant, die die not­wen­di­gen Luft­wech­sel­ra­ten und höchst­zu­läs­si­gen Strö­mungs­ge­schwin­dig­kei­ten, aber auch die erfor­der­li­chen Raum­tem­pe­ra­tu­ren festlegt.

Die Aus­le­gung der Lüf­tungs­an­la­ge soll­te unter Berück­sich­ti­gung von tech­ni­schen Regeln wie EN- und Ö‑Normen erfolgt sein. Für die rich­ti­ge Funk­ti­on der Lüf­tungs­git­ter und Luft­ka­nal­ein­bau­ten war die Beach­tung der Mon­ta­ge- und Betriebs­an­lei­tung wichtig.

Was hat der Sach­ver­stän­di­ge daher zu tun? Prio­ri­tär wäre natür­lich her­aus­zu­fin­den, ob die genann­ten gesetz­li­chen Bestim­mun­gen ein­ge­hal­ten wor­den sind. Wäre dies nicht der Fall, etwa weil die Luft­men­gen sich als zu gering her­aus­stell­ten, wären alle übri­gen rich­tig getrof­fe­nen Maß­nah­men – etwa die genaue Beach­tung der Nor­men in der Gestal­tung des Luft­ka­nal­net­zes, der ruhi­ge Lauf des Lüf­tungs­ge­rä­tes, die opti­ma­le Luft­füh­rung im Raum – belang­los, ein­zig des­halb, weil zuvor den über­ge­ord­ne­ten gesetz­li­chen For­de­run­gen nicht genü­ge getan wor­den ist.

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