Klimamodelle zwischen Wissenschaft und Politik

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Energie

(IRS) – Die Kli­ma­wis­sen­schaf­ten ver­wen­den eine Viel­zahl von Com­pu­ter­mo­del­len, um das Kli­ma­sys­tem und sein Ver­hal­ten über ört­li­che und zeit­li­che Räu­me hin­weg unter­su­chen zu kön­nen. Die Art der Model­le reicht von ein­fa­chen – zum Bei­spiel Ener­gie­bi­lan­zen – bis hin zu kom­ple­xen glo­ba­len Kli­ma­mo­del­len, die unse­ren Pla­ne­ten mit einem grob­kör­ni­gen Daten­netz über­zie­hen und mas­si­ven Com­pu­ter­ein­satz erfor­dern. Die Model­le sol­len einer­seits das Ver­ständ­nis über das Funk­tio­nie­ren des Kli­mas ver­bes­sern, ande­rer­seits Expe­ri­men­te ermög­li­chen, Theo­rien ver­glei­chen und uner­war­te­ten Ergeb­nis­sen auf die Spur kommen.

Wis­sen­schaft­li­che Kli­ma­mo­del­le für poli­ti­sche Zwecke?

Wäh­rend Wis­sen­schaft­ler nach wie vor dar­an arbei­ten, mit­tels der Model­le bes­se­res Ver­ständ­nis des Kli­ma­ge­sche­hens zu erlan­gen, spie­len Berech­nungs­er­geb­nis­se von Kli­ma­mo­del­len eine zen­tra­le Rol­le in der Ent­wick­lung inter­na­tio­na­ler, natio­na­ler, aber auch loka­ler Poli­tik. So benutzt etwa der IPCC („Welt­kli­ma­rat“) Kli­ma­mo­del­le dazu, mög­li­che Ursa­chen neue­rer Kli­ma­än­de­run­gen abzu­wä­gen, künf­ti­ge Kli­ma­zu­stän­de vor­her­zu­sa­gen, Leit­li­ni­en für Emis­si­ons­re­duk­tio­nen zu erstel­len, Maß­nah­men für ört­li­che Anpas­sun­gen vor­zu­schla­gen und Emp­feh­lun­gen zur Berech­nung sozia­ler Kos­ten für CO2-Emis­sio­nen zu geben. Anders gesagt: Kli­ma­mo­del­le die­nen poli­ti­schen Zwecken.

Unsi­cher­hei­ten und Risi­ko­be­wer­tun­gen von Prognosen

Es ist der ame­ri­ka­ni­schen Wis­sen­schaft­le­rin Judith A. Cur­ry dafür zu dan­ken, dass sie sich des Kli­mathe­mas aus der Sicht der nach wie vor bestehen­den gra­vie­ren­den Unsi­cher­hei­ten und einer Risi­ko­be­wer­tung der Kli­ma­än­de­rung ange­nom­men hat. Cur­ry ist eme­ri­tier­te Pro­fes­so­rin für Erd- und Atmo­sphä­ri­sche Wis­sen­schaf­ten am Geor­gia Insti­tu­te of Tech­no­lo­gy und Vor­sit­zen­de des Cli­ma­te Fore­cast Appli­ca­ti­ons Net­work, das sich mit Wet­ter- und Kli­ma­pro­gno­sen befasst. In ihrem 2023 erschie­ne­nen Buch „Cli­ma­te Uncer­tain­ty and Risk – Rethin­king Our Respon­se“ geht sie in einem eige­nen Kapi­tel auf die Kli­ma­mo­del­le, deren Unsi­cher­hei­ten und auch auf deren oft pro­ble­ma­ti­schen Anwen­dun­gen in der Poli­tik ein.

Rie­si­ger Rechenaufwand

Glo­ba­le Kli­ma­mo­del­le haben Bau­stei­ne, die das Ver­hal­ten der Atmo­sphä­re, der Ozea­ne, der pola­ren Eis­schil­de, der Land­flä­chen und der Glet­scher erfas­sen. Um Berech­nun­gen mög­lich zu machen, wird die Erd­at­mo­sphä­re in ein drei­di­men­sio­na­les Git­ter­netz auf­ge­teilt. Die kleins­te Ein­heit die­ses Net­zes hat eine seit­li­che Aus­deh­nung (Län­ge mal Brei­te) von 100 bis 200 km, die Höhe beträgt cha­rak­te­ris­ti­scher­wei­se 1 km, was ange­sichts der regio­na­len Beson­der­hei­ten, die in einem Kli­ma­raum auf­tre­ten kön­nen, schon sehr grob­ma­schig erscheint. Den­noch ist der Rechen­auf­wand gigan­tisch: Wür­de man zur Erhö­hung der Genau­ig­keit eine Kom­po­nen­te hal­bie­ren (also zum Bei­spiel die Höhe von 1 km auf 500 m sen­ken), wür­de sich der Rechen­auf­wand verzehnfachen!

Nicht­li­nea­re Zusammenhänge

Die Vor­gän­ge im rea­len Kli­ma erschei­nen kom­plex und chao­tisch. Ver­sucht man mathe­ma­tisch zu beschrei­ben, was hier vor sich geht, tre­ten sehr schnell die Gren­zen der Bere­chen­bar­keit zuta­ge. Man­che Mecha­nis­men im Kli­ma las­sen sich in Form linea­rer Glei­chun­gen beschrei­ben, sehr vie­le Vor­gän­ge aber ver­lau­fen anders: Man lan­det bei nicht­li­nea­ren Zusam­men­hän­gen und damit bei nur sehr schwer lös­ba­ren natur­wis­sen­schaft­li­chen For­meln und damit in her­aus­for­dern­den Mathe­ma­tik­auf­ga­ben. Nicht­li­nea­ri­tät bedeu­tet unter ande­rem auch, dass die Fest­le­gung der Ein­gangs­da­ten sehr star­ke Aus­wir­kun­gen auf die Ergeb­nis­se haben kann. Anders gesagt: Man endet in Ver­wir­rung oder gar im Chaos.

Daten aus der Ver­gan­gen­heit für Prognosen?

Ein ande­res Pro­blem: Nach wel­chen Wer­ten lässt sich ein sol­ches Modell kali­brie­ren oder eichen? Die Model­le sol­len zukünf­ti­ges Ver­hal­ten des Kli­mas vor­her­sa­gen kön­nen: Auf wel­chen Daten baue ich auf? Zum Abglei­chen eines Modells lie­gen schließ­lich nur Wer­te aus der Ver­gan­gen­heit vor, das noch dazu aus recht kur­zen Zeit­span­nen: So sind belast­ba­re Satel­li­ten­da­ten zum Bei­spiel über die Bewe­gun­gen des Mee­res­spie­gels seit frü­hes­tens Mit­te der Sieb­zi­ger Jah­re ver­füg­bar. Noch­mals das grund­sätz­li­che Pro­blem: Man­gels ande­rer Mög­lich­kei­ten müs­sen Daten aus­schließ­lich aus der Ver­gan­gen­heit dazu her­hal­ten, zukünf­ti­ge Ent­wick­lun­gen vorherzusagen.

Pro­gno­se­fä­hig­keit der Model­le ist beschränkt hilfreich

Im Hin­blick auf die Eig­nung von Kli­ma­mo­del­len für eine Emp­feh­lung von Maß­nah­men zur Kli­ma­an­pas­sung und damit ver­bun­de­ne Ent­schei­dun­gen zitiert Judith Cur­ry eine Stel­lung­nah­me des „Earth Insti­tu­te“ und des „Red Cross Cli­ma­te Cen­ter“ der Colum­bia Uni­ver­si­tät: „Vor­her­sa­gen aus Kli­ma­mo­del­len kön­nen vie­le Aspek­te des Kli­ma­sys­tems erfas­sen und hel­fen bei Scha­dens­be­gren­zung und Anpas­sungs­stra­te­gien im wei­tes­ten Sinn, aber ihr Ein­satz zur Steue­rung ört­li­cher Maß­nah­men zur Anpas­sung ist nicht gerecht­fer­tigt. Kli­ma­mo­del­le sind nicht in der Lage, räum­lich oder zeit­lich ein­ge­grenz­te Zustän­de in einer der­art prä­zi­sen Art vor­her­zu­sa­gen, wie dies oft geschieht, und die beim Emp­fän­ger der Infor­ma­ti­on (unge­recht­fer­tig­ter­wei­se, Anm.) hohes Ver­trau­en bewirkt.“

Quel­le: Judith A. Cur­ry, „Cli­ma­te Uncer­tain­ty and Risk – Rethin­king Our Respon­se“, Anthem Press, 2023

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