NK-12, Ferdinand Brandner und die Aktion Ossawakim

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Gasturbine

(IRS) Es ist erstaun­lich, zu wel­chen Ergeb­nis­sen bestimm­te Inter­es­sen und damit ver­bun­de­ne Nach­for­schun­gen füh­ren kön­nen. Da haben jugend­li­che Neu­gier und väter­li­che Begeis­te­rung für Tur­bo­ma­schi­nen – sprich Dampf- und Gas­tur­bi­nen – den Aus­bil­dungs­weg zum Maschi­nen­bau­er sehr stark beein­flusst. Trotz ande­rer fach­li­cher Aus­rich­tung ist das Inter­es­se für Tur­bo­ma­schi­nen, in ers­ter Linie für Gas­tur­bi­nen, deren Anwen­dun­gen und deren Geschich­te, nie gerin­ger gewor­den. Wobei ins­be­son­de­re die tech­ni­schen Ent­wick­lun­gen von Gas­tur­bi­nen zu Flug­zeug­an­trie­ben mit einem tra­gi­schen Stück Zeit­ge­schich­te ver­bun­den sind.

Gas­tur­bi­nen in Strahl­trieb­wer­ken und Turboprop

Wie kaum eine ande­re Ent­wick­lung haben bei­spiels­wei­sen Gas­tur­bi­nen als Flug­trieb­wer­ke mit Strahl­an­trieb den mili­tä­ri­schen und zivi­len Ein­satz von Flug­zeu­gen revo­lu­tio­niert. Durch ihre Anwen­dung konn­ten Geschwin­dig­kei­ten und Grö­ßen von Flug­zeu­gen ver­wirk­licht wer­den, die zum Zeit­punkt der ers­ten Ver­su­che nicht vor­stell­bar waren. Zunächst war das Mili­tär inter­es­siert: Vor allem waren es die kriegs­be­dingt beschleu­nig­ten Ent­wick­lun­gen von Strahl­an­trie­ben in Deutsch­land, die völ­lig neu­ar­ti­ge und ein­satz­rei­fe Flug­zeu­ge her­vor­brach­ten, denen die dama­li­gen Kriegs­geg­ner tech­nisch gese­hen nichts Gleich­ar­ti­ges ent­ge­gen­zu­set­zen hat­ten. Für eine Kriegs­wen­de reich­ten die­se neu­en Mit­tel (zum Glück) aber nicht.

Ope­ra­ti­on Paperclip

Nach Kriegs­en­de begann des­halb sofort ein Wett­lauf der Alli­ier­ten um die bes­ten Köp­fe der nun besieg­ten und am Boden lie­gen­den Kriegs­par­tei. Am ehes­ten in unse­rer Öffent­lich­keit bekannt ist die „Ope­ra­ti­on Paper­clip“, eine Geheim­dienst­ak­ti­on, mit der 1.600 deut­sche Wis­sen­schaft­ler, Inge­nieu­re und Tech­ni­ker als Kriegs- und Zivil­ge­fan­ge­ne in die USA ver­legt wor­den sind. Man woll­te das Wis­sen die­ser Leu­te aus der Rake­ten- und Flug­tech­nik – aber auch aus ande­ren Tech­no­lo­gie­ge­bie­ten – absau­gen und im Rah­men der eige­nen Indus­trien nut­zen. Die Akti­on dau­er­te von 1945 bis 1959. Wie wir noch sehen wer­den, war auch die Sowjet­uni­on ins­be­son­de­re in der Flug­tech­nik auf die­se Wei­se aktiv, in klei­ne­rem Maß war das auch Frankreich.

B 52 und TU 95 – zwei töd­li­che Kürzel

Wer unter einem älte­ren Modell des in der Nach­kriegs­zeit ent­wi­ckel­ten US-ame­ri­ka­ni­schen Bom­bers B 52 steht, regis­triert des­sen acht Strahl­trieb­wer­ke, in denen wohl viel von frem­der Ent­wick­lungs­ar­beit auf­ge­gan­gen sein mag. Das sowje­ti­sche Gegen­stück zu die­ser töd­li­chen Waf­fe war – und ist auch heu­te noch – die Tupo­lew TU 95, eine Maschi­ne mit vier gegen­läu­fi­gen Pro­pel­lern, die von vier Gas­tur­bi­nen in Form von Tur­bo­prop-Trieb­wer­ken ange­trie­ben sind. Bei die­sen von Kus­ne­zow gebau­ten und als NK-12 bezeich­ne­ten Trieb­wer­ken han­delt es sich um die stärks­ten jemals gebau­ten Antrie­be die­ser Art mit Leis­tun­gen bis zu 15.000 PS (je Triebwerk!).

Der Flug­mo­to­ren­kon­struk­teur Fer­di­nand Brandner

Das Trieb­werk NK-12 war in der Nach­kriegs­zeit ent­wi­ckelt wor­den unter der Lei­tung von Fer­di­nand Brand­ner, einem in Öster­reich gebo­re­nen Diplom­in­ge­nieur, der in den Jun­kers-Flug­zeug­wer­ken äußerst leis­tungs­fä­hi­ge Kol­ben­mo­to­ren ent­wi­ckelt hat­te. Brand­ner, frü­hes Mit­glied der NSDAP und Ange­hö­ri­ger der SS, der sich nach Kriegs­en­de in der sowje­ti­schen Besat­zungs­zo­ne befand, hat­te sich zur Zusam­men­ar­beit mit den Sowjets bereit erklärt und war sodann als Kriegs­ge­fan­ge­ner nach Kui­by­schew gebracht wor­den. Nach­dem Bemü­hun­gen der Rus­sen geschei­tert waren, ein leis­tungs­fä­hi­ges Trieb­werk für den schwe­ren Bom­ber TU 95 zu ent­wi­ckeln, wur­de Brand­ner für die­se Auf­ga­be aus­ge­wählt. Er arbei­te­te mit zahl­rei­chen ande­ren deut­schen und öster­rei­chi­schen Inge­nieu­ren und Tech­ni­kern zusam­men, die sich bereits in der Sowjet­uni­on befanden.

Die Akti­on Ossawakim

Dazu muss man wis­sen, dass zuvor auch die Sowjet­uni­on auf Per­so­nen mit wert­vol­lem Wis­sen zuge­grif­fen hat­ten, und zwar auf ziem­lich bru­ta­le Art. Wiki­pe­dia schreibt dazu: „Als Akti­on Ossa­wa­kim (…) wird eine sowje­ti­sche Geheim­ope­ra­ti­on (…) bezeich­net, bei der im Wesent­li­chen ab den frü­hen Mor­gen­stun­den des 22. Okto­ber 1946 mehr als 2500 aus­ge­wähl­te deut­sche Fach­kräf­te (…, also Wis­sen­schaft­ler, Inge­nieu­re und Tech­ni­ker, die auf Spe­zi­al­ge­bie­ten tätig waren) aus mili­tär- und wirt­schafts­po­li­tisch rele­van­ten Betrie­ben und Insti­tu­tio­nen der sowje­ti­schen Besat­zungs­zo­ne Deutsch­lands (SBZ) und dem sowje­ti­schen Sek­tor von Ber­lin sowie wei­te­re ca. 4000 Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge zur Zwangs­ar­beit in die Sowjet­uni­on ver­schleppt wurden.“

Fer­di­nand Brand­ner am Ende eines Vor­tra­ges an der ETH Zürich im Jah­re 1957: 

„In Pots­dam wur­de der Sowjet­uni­on das Recht zuge­spro­chen, deut­sche Arbei­ter und deut­sche Intel­li­genz nach Russ­land zwangs­ver­pflich­ten zu kön­nen. Ihnen ver­dankt die Sowjet­uni­on ihre tech­ni­sche Mobi­li­tät. Von unse­ren 800 deut­schen und öster­rei­chi­schen Inge­nieu­ren in Kui­bi­scheff hat nicht ein ein­zi­ger jemals frei­wil­lig einen Ver­trag unter­zeich­net, als er nach Russ­land ver­schleppt wor­den ist. Dass wir dort gear­bei­tet haben, allein auf uns gestellt, hart und viel, lag am Selbst­er­hal­tungs­trieb. Den Rus­sen war es weni­ger dar­um zu tun, aus uns Kom­mu­nis­ten zu machen, son­dern unse­re Arbeits­kraft rest­los aus­zu­schöp­fen. Neun Jah­re haben aber nicht aus­ge­reicht, unse­re Lebens­kraft zu bre­chen. 45 Men­schen star­ben wäh­rend die­ser Zeit, fünf nah­men sich das Leben, zwei sind wahn­sin­nig gewor­den. Der Rest ist im Som­mer 1954 in die Hei­mat zurückgekehrt.“
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Quellen:
wikipedia
https://www.e‑periodica.ch/digbib/view?pid=sbz-002:1957:75::463#2746

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