Weisheit von oben für 2022 (und darüber hinaus)

Eule

In Wiki­pe­dia fin­det sich eine inter­es­san­te Defi­ni­ti­on: Weis­heit (engl. wis­dom, alt­gr. σοφία, lat. sapi­en­tia, hebr. hokhmah) bezeich­net vor­ran­gig ein tief­ge­hen­des Ver­ständ­nis von Zusam­men­hän­gen in Natur, Leben und Gesell­schaft sowie die Fähig­keit, bei Pro­ble­men und Her­aus­for­de­run­gen die jeweils schlüs­sigs­te und sinn­volls­te Hand­lungs­wei­se zu iden­ti­fi­zie­ren. Wenn ich das lang­sam durch­le­se und ins­be­son­de­re den letz­ten Teil beach­te, wird mir bewusst, wie drin­gend wir alle, aber ganz beson­ders wir Sach­ver­stän­di­gen ein üppi­ges Maß an Weis­heit benö­ti­gen, um unse­re Arbeit gut erle­di­gen zu können.

In mei­nem Bücher­schrank steht „Mey­ers Enzy­klo­pä­di­sches Lexi­kon in 25 Bän­den“, nach und nach erschie­nen im Lauf der Jah­re 1979 bis 1981. Das sind also jetzt rund vier­zig Jah­re her. Im Band 25 (880 Sei­ten, gewo­gen 2,2 kg!) fin­det sich eine etwas ande­re Defi­ni­ti­on, die wesent­lich wei­ter greift und den Begriff vertieft:

Weis­heit,

  1. 1. im Unter­schied zur Klug­heit menschl. Grund­hal­tung, die auf einer all­ge­mei­nen Lebens­er­fah­rung und einem umfas­sen­den (nicht nur ratio­na­len, wis­sen­schaftl.) Ver­ste­hen und Wis­sen vom Ursprung, Sinn und Ziel der Welt und des Lebens sowie um die letz­ten Din­ge gegrün­det ist;
  2. 2. die die­ser Grund­hal­tung ent­spre­chen­den Handlungsweisen.
A

Wenn man die­se letz­te Defi­ni­ti­on näher betrach­tet und annimmt, wird klar, dass Weis­heit nicht bloß eine ober­fläch­li­che Eigen­schaft eines Men­schen dar­stellt, son­dern eng mit sei­ner Per­son, sei­nem Cha­rak­ter, mit sei­nen tief ver­wur­zel­ten Vor­stel­lun­gen oder innigs­ten Über­zeu­gun­gen ver­bun­den ist, anders gesagt sei­ner Glau­bens­welt entspringt.

Das führt mich gleich zu den nächs­ten Fragen: 

Wor­an erkenn ich, dass mein Ver­ständ­nis von Weis­heit rich­tig ist? Nicht nur für mich rich­tig ist, son­dern auch für mei­ne Mit­men­schen, für mei­ne gesell­schaft­li­che Umwelt? Rich­tig als Werk­zeug für mei­ne Tätig­keit als Sach­ver­stän­di­ger und Frei­be­ruf­ler, schließ­lich tra­ge ich nicht nur für mei­ne Fami­lie Ver­ant­wor­tung, son­dern auch für mei­nen Beruf, der mir vie­le und nicht ein­fa­che Ver­pflich­tun­gen auf­bür­det? Wie macht sich Weis­heit in allen mei­nen pri­va­ten und beruf­li­chen Äuße­run­gen bemerkbar?

Auf der Suche nach Antworten …

… bie­tet sich ein Blick in die Weis­heits­li­te­ra­tur an, womit eini­ge bibli­sche Bücher gemeint sind. Nähe­res dazu kann der geneig­te Leser selbst in Wiki­pe­dia nach­schla­gen, bes­ser gesagt nach­kli­cken. Ich blei­be aber gleich in der Bibel, aller­dings in einem ande­ren Abschnitt. Ein gewis­ser Jako­bus macht sich in sei­nem Brief Gedan­ken über das prak­ti­sche christ­li­che Leben und lie­fert in Kapi­tel 3 im Vers 17 eine äußerst Inter­es­san­te Check­lis­te dar­über, WIE sich von Gott gege­be­ne Weis­heit erkenn­bar macht, die er Weis­heit von oben nennt (hier wie­der­ge­ge­ben aus der Elberfelder-Übersetzung):

Die Weis­heit von oben aber ist ers­tens rein, sodann fried­voll, mil­de, folg­sam, vol­ler Barm­her­zig­keit und guter Früch­te, unpar­tei­isch, ungeheuchelt.

Acht Eigen­schaf­ten der Weis­heit von oben

Die Auf­zäh­lung weist ins­ge­samt acht Eigen­schaf­ten aus, die es wert sind, einer nähe­ren Betrach­tung unter­zo­gen zu wer­den. Ich habe – mit der Unter­stüt­zung von an der Defi­ni­ti­on inter­es­sier­ten Fami­li­en­mit­glie­dern – ver­sucht, die genann­ten Begrif­fe, über die man ansons­ten leicht hin­we­g­liest, zu prä­zi­sie­ren und ihre tie­fe­re Bedeu­tung her­aus­zu­strei­chen. Dahin­ter steckt auch so etwas wie aus gut­ach­ter­li­cher und wis­sen­schaft­li­cher Tätig­keit inspi­rier­te Neu­gier­de, einer Sache auf den Grund zu gehen.

Ein Spie­gel zur Selbstprüfung

Zu jeder Eigen­schaft habe ich auch noch mei­ne eige­ne Deu­tung hin­zu­ge­fügt, die mit der beruf­li­chen Pra­xis zusam­men­hängt. Damit soll dem­je­ni­gen, der an sich selbst hohe ethi­sche Stan­dards legt – was für jeden Sach­ver­stän­di­gen selbst­ver­ständ­lich sein soll – ein Kata­log gege­ben wer­den, in des­sen Spie­gel er eine Selbst­prü­fung vor­neh­men kann. Kla­rer­wei­se kann jede mei­ner Inter­pre­ta­tio­nen das jewei­li­ge The­ma nur anrei­ßen, aber alle Lesen­den sind auf­ge­ru­fen, die The­men für sich selbst aus­zu­wei­ten und ihre eige­nen Ansät­ze zur per­sön­li­chen Ver­bes­se­rung zu finden.

So, jetzt aber

Weis­heit von oben ist REIN

-          Hin­ter die­sem Begriff ste­hen Lau­ter­keit, Unschuld, aus mei­ner Sicht aber auch Trans­pa­renz, Klar­heit, was die Aus­sa­gen in einem Gut­ach­ten oder Bericht betrifft, ganz prak­tisch ist dar­über nach­zu­den­ken, was ich noch ver­bes­sern kann, um For­mu­lie­run­gen ein­fa­cher und damit ver­ständ­li­cher machen kann

Weis­heit von oben ist FRIEDVOLL

-          Erwei­tern lie­ße sich der Begriff mit fried­sam oder frie­dens­stif­tend; ganz prak­tisch kann man ver­su­chen, dahin­ge­hend ein­zu­wir­ken, dass Situa­tio­nen eska­lie­ren oder Sach­la­gen unnö­tig betont oder gar auf­ge­bauscht wer­den, dass man sich For­mu­lie­run­gen genau über­legt, denn oft gilt: „der Ton macht die Musik“

Weis­heit von oben ist MILDE

-          Ande­re Wor­te dafür sind freund­lich, gütig, oder das kaum noch ver­wen­de­te Wort gelin­de; hier kommt die Rol­le des Dienst­leis­ters ins Spiel, der das Bes­te für sei­nen Kli­en­ten will, der auch unter Stress von Auf­ga­ben nicht sei­nen Blick auf die Bedürf­nis­se sei­ner Kun­den ver­liert und ihnen zuge­wandt bleibt

Weis­heit von oben ist FOLGSAM

-          Unter Folg­sam­keit ist hier nicht Wil­len­lo­sig­keit zu ver­ste­hen, son­dern die Bereit­schaft, sich etwas sagen zu las­sen und Kor­rek­tur anzu­neh­men, wo es nötig ist; Jedem unter­lau­fen Feh­ler, es ist immer bes­ser, sie unum­wun­den ein­zu­ge­ste­hen, Recht­ha­be­rei als genau­es Gegen­teil bringt nur Schaden

Weis­heit von oben ist VOLLER BARMHERZIGKEIT

-          Der Begriff Erbar­men ist zuge­ge­ben alles ande­re als popu­lär, grund­sätz­lich geht es dar­um, nicht in die Fal­le von Vor­ur­tei­len zu fal­len, Benach­tei­lig­te nicht zu über­ge­hen, oder auch uns unver­ständ­li­chen Ver­hal­tens­wei­sen oder auch über­hitz­ten Angrif­fen nach­sich­tig zu begegnen

Weis­heit ist VOLL GUTER FRÜCHTE

-          In einer ande­ren Über­set­zung lau­tet das: Weis­heit bringt Gutes her­vor; Eine gute Arbeit hin­ter­lässt kei­nen scha­len, oder bit­te­ren Nach­ge­schmack. Selbst ein von einem Gut­ach­ten nega­tiv Betrof­fe­ner soll Ach­tung und Respekt erfah­ren und das Ergeb­nis ohne Groll aner­ken­nen können

Weis­heit ist UNPARTEISCH

-          Befan­gen­heit und auch nur der Anschein von Befan­gen­heit sind gro­ße Gefah­ren für jeden Sach­ver­stän­di­gen; emo­tio­na­le Zunei­gung zum schein­bar Schwä­che­ren ist genau­so wenig zuläs­sig wie ver­schlei­er­te Sym­pa­thie gegen­über Ein­fluss­rei­chen. Anse­hen der Per­son darf nicht mit Gefäl­lig­keit einhergehen.

Weis­heit ist UNGEHEUCHELT

-          Hier geht es schlicht um Ehr­lich­keit und Auf­rich­tig­keit; Man kann immer bei der Wahr­heit blei­ben, Not­lü­gen sol­len genau­so ver­pönt sein wie jede Art der Lüge, des Ver­dre­hens oder des Über­zeich­nens oder Unter­trei­bens. Man muss immer und in jeder Situa­ti­on zu dem ste­hen kön­nen, was man von sich gibt.

Noch ein Wort zum Begriff Klugheit

Mey­ers Enzy­klo­pä­di­sches Lexi­kon nimmt eine Begriffs­ab­gren­zung von Weis­heit zu Klug­heit vor. Band 13 defi­niert so: Klug­heit, eine – unter­schie­den von Weis­heit – der Ratio, dem Ver­stand zuge­ord­ne­te Eigen­schaft und Fähig­keit, Hand­lungs­zie­le zu erken­nen und unter ratio­nel­lem Ein­satz der Mit­tel zu ihrer Rea­li­sie­rung zu ver­fol­gen (Gegen­satz: Tor­heit) (…). Klug­heit stützt sich aus­schließ­lich auf den Ver­stand, Weis­heit hin­ge­gen greift wesent­lich wei­ter. Weis­heit von oben erst recht. Oder: Klug­heit ist gut, Weis­heit ist besser.

Es gibt also trif­ti­ge Grün­de, sich um Weis­heit von oben zu bemü­hen. Das Sprich­wort eines mir Unbe­kann­ten sagt es noch treffender:

Klug­heit ist die Fähig­keit, aus einer schwie­ri­gen Situa­ti­on her­aus­zu­kom­men, in die man mit Weis­heit gar nie gera­ten wäre.

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