Was ist die wichtigste Eigenschaft des Sachverständigen?

Frage

Eine Viel­zahl von unter­schied­lichs­ten Ant­wor­ten ist auf die­se Fra­ge zu erwar­ten. Es wird wahr­schein­lich auch sehr dar­auf ankom­men, an wen man die Fra­ge rich­tet. Die Erfah­rung hat übri­gens gezeigt, dass Sach­ver­stän­di­ge die Gewich­te im gan­zen Spek­trum mög­li­cher Eigen­schaf­ten deut­lich anders ver­tei­len als die meis­ten ihrer Kun­den. Wäh­rend Ers­te­re mehr auf die sach­li­chen und fach­li­chen – also die har­ten – Fähig­kei­ten Wert legen, ist etwas ver­ein­facht gesagt den Zweit­ge­nann­ten die sozia­le Sei­te der Per­sön­lich­keit wich­ti­ger. Fach­ex­per­ti­se setzt man ohne­hin vor­aus. Aber die in Sum­me gese­hen wich­tigs­te Eigen­schaft ist eine andere.

Zuge­ge­ben – es kommt auf die Sicht­wei­se an. Hier ist es mei­ne, die einer Pra­xis von Jahr­zehn­ten ent­stammt. In so einer lan­gen Zeit­span­ne habe ich nicht nur aus eige­nem Tun gelernt, son­dern konn­te eben­so das ande­rer Kol­le­gen mit­ver­fol­gen und mei­ne Schlüs­se dar­aus zie­hen. Auch aus den Rück­mel­dun­gen von Auf­trag­ge­bern durf­te ich ler­nen, von eige­nen und von denen ande­rer Sach­ver­stän­di­ger. Gut­ach­ten wur­den hun­der­te erstellt, in vie­le Gut­ach­ten ande­rer habe ich Ein­sicht bekom­men, mit man­chen muss­te ich mich inten­siv aus­ein­an­der­set­zen. Mit etli­chen Kol­le­gen gab es inter­es­san­te Gesprä­che, mit man­chen war inten­si­ver Aus­tausch mög­lich, eini­gen konn­te mit Rat und Tat gehol­fen werden.

Schlüs­sel­fak­tor Integrität

All das ist nur Vor­be­mer­kung zur eigent­li­chen Fra­ge. Die Ant­wort dar­auf ist ein­fach, man­chen viel­leicht sogar zu ein­fach: Die wich­tigs­te Eigen­schaft von Sach­ver­stän­di­gen ist Inte­gri­tät! Mit die­sem Begriff ver­bin­de ich eine Per­sön­lich­keit, die in allen Lebens­be­rei­chen kor­rekt, ehr­lich und aus bes­tem Wis­sen und Gewis­sen han­delt; Einen gefes­tig­ter Cha­rak­ter, der Her­aus­for­de­run­gen kor­rekt ent­ge­gen­tritt und der auch in für ihn schwie­ri­gen oder gar nach­tei­li­gen Situa­tio­nen der Wahr­heit treu bleibt. Jemand, der sich nicht zu schä­men braucht, wenn er mor­gens in den Spie­gel schaut. Jemand, der Din­ge kor­rekt dar­stellt, auch wenn der Auf­trag­ge­ber damit nicht ein­ver­stan­den ist.

Wie man sich das Leben erleichtert

Das hier ist kein Vor­trag über ange­wand­te Ethik und auch kei­ne Moral­pre­digt. Inte­gri­tät ist schlicht und ein­fach eine Hal­tung, die sich den „Luxus“ leis­ten kann, in jeder Situa­ti­on ehr­lich zu sein und zu han­deln. Man­che sind der Ansicht, dass es im Wirt­schafts­le­ben ein­fa­cher ist, sich hin und wie­der auf einer Lüge aus­zu­ras­ten. Das Gegen­teil ist der Fall. Ehr­lich­keit macht das Leben leicht, denn Lüge erfor­dert immer eine müh­sa­me Vor­spie­ge­lung irgend­wel­cher Tat­sa­chen. Zudem müss­te man sich das gan­ze Lügen­kon­strukt auch noch genau mer­ken, damit man nach­her nicht auch noch Pro­ble­me bekommt, weil die Lüge ansons­ten ins Licht kommt. Lügen ist viel zu kom­pli­ziert und bringt nur schein­bar Vorteile.

Inte­gre Per­so­nen spie­len kei­ne Rolle

Jemand, der inte­ger ist, ist auch immer die glei­che Per­sön­lich­keit, egal ob im pri­va­ten oder im öffent­li­chen Raum. Eine sol­che Per­son „spielt kei­ne Rol­le“, und das ganz rich­tig im wahrs­ten Sinn des Wor­tes. Auch das Sich-nicht-ver­stel­len-Müs­sen macht das Leben ungleich ein­fa­cher und ange­neh­mer. Eine inte­gre Per­son braucht auch kei­ne Bestä­ti­gun­gen ihrer ver­meint­li­chen Wich­tig­keit oder Bedeu­tung. Inte­gre Leu­te drän­gen sich nicht auf, sie drän­gen sich nicht vor, sie drän­gen auch nicht ande­re zur Sei­te. Inte­gre Leu­te neh­men sich nicht wich­tig und sind beschei­den in ihren Ansprü­chen ande­ren Men­schen gegenüber.

Erfolg ist das, was guter Arbeit folgt

Inte­gre Men­schen sind auch nicht pri­mär auf Erfol­ge aus, weder auf Erfol­ge mate­ri­el­ler Art oder sol­che in Form gesell­schaft­li­cher Aner­ken­nung und Wich­tig­keit. Sie las­sen sich auch nicht durch Erwar­tun­gen ande­rer unter Druck set­zen. Über­zo­ge­nes Lob berührt sie genau­so wenig wie unge­recht­fer­tig­te Kri­tik. Sie wol­len ande­rer­seits auch durch­aus nicht selbst­los agie­ren und schät­zen guten Gewinn. In ers­ter Linie aber wol­len sie Men­schen mit ihren Fer­tig­kei­ten und Kennt­nis­sen gute Diens­te leis­ten, also gute Dienst-Leis­ter sein. Wenn das gelingt, stellt sich Erfolg ohne­hin ganz von selbst ein, auch mate­ri­el­ler. Inte­gri­tät soll­te ers­te Prio­ri­tät sein, nicht nur für Sach­ver­stän­di­ge, son­dern für jeden.

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