Zur Glaubwürdigkeit von Sachverständigen

Zeitung

„Der Zah­ler sagt, was her­aus­kom­men soll“ lau­tet ein Arti­kel in der „Klei­nen Zei­tung“ vom Sonn­tag, dem 5. August 2012. Anlass­fall ist das Gerichts­ge­sche­hen rund um einen Kärnt­ner Steu­er­be­ra­ter und die unrühm­li­che Rol­le ver­schie­de­ner Pri­vat­sach­ver­stän­di­ger. Zitat dar­aus: „… gaben nicht weni­ger als sie­ben Gut­ach­ter ihren ange­se­he­nen Namen her, um ein Hono­rar von ursprüng­lich zwölf und spä­ter sechs Mil­lio­nen Euro … zu recht­fer­ti­gen.“ Und: „Sie sehen sich nun selbst dem Vor­wurf der Bei­hil­fe zur Untreue aus­ge­setzt.“ Auch wenn der Arti­kel sehr aus­ge­wo­gen berich­tet: Sach­ver­stän­di­ge kom­men dar­in gar nicht gut weg.

Hel­fer ja, …

In der öster­rei­chi­schen Recht­spre­chung erfüllt der Gerichts­sach­ver­stän­di­ge eine Dop­pel­rol­le: er ist in sei­ner Exper­ti­se einer­seits Beweis­mit­tel, das der Rich­ter wür­di­gen kann oder auch nicht und er ist ande­rer­seits Hel­fer des Rich­ters, der natur­ge­mäß – und ich rede hier von tech­ni­schen Kennt­nis­sen –in sel­te­nen Fäl­len fach­kun­dig sein wird. Hel­fer sein heißt für mich: unter­stüt­zen, begrün­den, erklä­ren, defi­nie­ren, abwä­gen,  raten, aber auch war­nen, wenn es nötig erscheint.

… Bei­hel­fer nein!

Das­sel­be gilt auch für die Tätig­keit als Pri­vat­sach­ver­stän­di­ger: Hel­fer ja, aber Lakai nein, wenn man unter Lakai jeman­den mit einer fal­schen Hal­tung der Unter­wür­fig­keit ver­steht und letzt­lich vom Hel­fer gar zum Bei­hel­fer wird, sie­he oben. Sach­ver­stän­di­ge dür­fen sich nicht miss­brau­chen las­sen, nicht jedes Ansin­nen eines Auf­trag­ge­bers ist zu befür­wor­ten. Das gilt nicht nur für Groß­pro­zes­se, son­dern schon im Kleinen.

Auf­trag­ge­bern wirk­lich dienen …

Ein ein­fa­ches Bei­spiel: der Besit­zer eines Neu­baus ist von der Arbeit sei­nes Instal­la­teurs ent­täuscht und fin­det 53 ver­meint­li­che Män­gel, fein säu­ber­lich in umfas­sen­den Excel-Lis­ten doku­men­tiert. Beim Durch­set­zen sei­ner Vor­stel­lun­gen von einer fach­ge­rech­ten Instal­la­ti­on soll der Sach­ver­stän­di­ge ihm hel­fen: Ein Gut­ach­ten muss her, mög­lichst umfas­send, mög­lichst endend in einer Kriegs­er­klä­rung an den Installateur.

… heißt auch Gren­zen setzen

Nach ein­ge­hen­der Besich­ti­gung blei­ben zwan­zig berech­tig­te Män­gel­rü­gen übrig, das Gut­ach­ten wird bedeu­tend kür­zer und hat so gar nicht den gewünsch­ten aggres­si­ven Ton. Der Instal­la­teur kann sein Gesicht wah­ren, mit etwas Good­will von sei­ner Sei­te sind kurz dar­auf fast alle Punk­te beho­ben, zum ver­blei­ben­den Rest muss auch der Haus­herr etwas Good­will zei­gen und die Sache ist erle­digt. Bei­den Kon­tra­hen­ten ist rasch gehol­fen wor­den und die Kos­ten dafür sind rela­tiv gering.

Nagel­pro­ben

Natür­lich gibt es in Begut­ach­tun­gen in der Fra­ge nach rich­tig oder falsch sehr oft Ermes­sens­spiel­räu­me, in denen sich ein Sach­ver­stän­di­ge bewe­gen muss. Aber all die­se Abwä­gun­gen müs­sen zu einem Ergeb­nis füh­ren, das hält, auch wenn zum Bei­spiel die­ses Ergeb­nis den Erwar­tun­gen einer Par­tei nicht ent­spricht, für die sehr viel auf dem Spiel steht und die­se Par­tei dann vehe­ment dage­gen ankämpft. Zu einem Ergeb­nis, das auch dann hält, wenn drei Pri­vat­gut­ach­ten dage­gen ste­hen. Oder wenn Druck etwa durch betrof­fe­ne Außen­ste­hen­de spür­bar wird, der – wie mir ein Teil­neh­mer eines mei­ner Semi­na­re aus sei­ner Erfah­rung erzähl­te – exis­ten­ti­ell bedroh­lich sein kann.

Gefäl­lig­keit oder Integrität?

Inte­gri­tät ist das kost­bars­te Gut, das ein Sach­ver­stän­di­ger zu besit­zen ver­mag. Dazu gehört selbst­ver­ständ­lich auch die Hal­tung, grund­sätz­lich alle Auf­trä­ge aus­zu­schla­gen – und sei­en die­se noch so lou­kra­tiv – die ent­we­der der Gefäl­lig­keit die­nen sol­len oder die aus ande­ren Grün­den nicht akzep­ta­bel sind. Das hat mit der Ver­ant­wor­tung zu tun, die wir als Sach­ver­stän­di­ge zu tra­gen haben, aber auch  – ohne hier mora­li­sie­ren zu wol­len – mit unse­ren Wer­ten und  inne­ren Über­zeu­gun­gen. Sol­che Ent­schei­dun­gen in die rich­ti­ge Rich­tung mögen nicht immer leicht sein, sind aber not­wen­dig für den Sach­ver­stän­di­gen, der lang­fris­tig erfolg­reich sein will.

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